Ein Stück Vergangenheit zu verkaufen_Fußball-Erinnerungsstücke sind bei englischen Auktionen der Renner. Deutsche sammeln „mit kaltem Herzen“

17 04 2010

Er hat an diesem Tag Geschichte geschrieben. Am 30. Juni 1996 schirmte er den Ball an der Strafraumgrenze ab, drehte sich an Miroslav Kadlec vorbei und schoss. Der Ball wurde abgefälscht und rutschte Torhüter Petr Kouba über die Handschuhe ins Tor. Oliver Bierhoffs Golden Goal in der Verlängerung des Europameisterschaftsfinales gegen Tschechien im Londoner Wembley-Stadion war das erste der Fußballgeschichte; er erzielte es, nachdem er, gerade erst eingewechselt, schon zum 1:1-Ausgleich getroffen und Deutschland in die Verlängerung gerettet hatte. Sein Trikot mit der Nummer 20 wurde dadurch zum Objekt der Begierde. Sammler begeistern sich für solche Erinnerungsstücke. Und sie sind bereit, viel Geld zu investieren.

Heute schätzen Experten den Versteigerungswert von Bierhoffs Finaltrikot zwischen 2.500 und 5.000 Euro – für das original getragene natürlich. „Matchworn“ sagt der Fachmann. Das von Andreas Brehme, mit dem er Deutschland vom Elfmeterpunkt aus zum WM-Titel 1990 schoss, wird auf 4.500 bis 10.000 Euro geschätzt.

Trikottabelle: Pelé und Hurst liegen vorne

Damit sind die deutschen Profis allerdings noch weit entfernt von den internationalen Rekordsummen. Pelés Trikot aus dem WM-Finale 1970 gilt als teuerstes Hemd der Welt. Fast 160.000 Pfund (nach heutiger Umrechnung 180.000 Euro) gingen dafür angeblich 2002 beim Londoner Auktionshaus Christie’s über den Tisch. Das Geschäft habe nie stattgefunden, behauptet ein deutscher Fachmann, der nicht genannt werden möchte. Manche Auktionen seien vorher schon abgesprochen, sagt er.

„Ich kann hundertprozentig garantieren, dass Pelés Trikot zu diesem Preis versteigert wurde und Weltrekord ist“, entgegnet David Convery, der bei Christie’s für Sportmemorabilia zuständig war und sich mittlerweile selbständig gemacht hat. Bei Platz zwei der Rekordliste war Convery selbst im Auktionsraum. Das Trikot des englischen Nationalspielers Geoffrey Hurst aus dem WM-Finale 1966 brachte dem Besitzer vor zehn Jahren 91.750 Pfund (104.000 Euro).

Engländer können „völlig die Kontrolle verlieren“

Christie’s und Sotheby’s begannen 1998 mit dem Versteigern von Fußball-Erinnerungsstücken, haben sich mittlerweile aber weitgehend aus diesem Markt zurückgezogen. Heute sind unter anderem Convery Auctions oder Bonham’s die Ansprechpartner in England. Diese Art von Geschäften ist auch hierzulande angekommen, aber „die Deutschen sammeln mit kaltem Herzen“, sagt Auktionär Wolfgang Fuhr. Engländer könnten bei einer Versteigerung „völlig die Kontrolle verlieren“.

Dann schnellen die Preise nach oben, zum Beispiel weil sich zwei Bieter nicht leiden können. Ohnehin muss man bei Trikotbietern zwischen zwei Typen unterscheiden: Da ist der Gourmand, der möglichst viele Hemden ersteigert, und der Gourmet, der sich auf seltene Stücke konzentriert. Beide Bietertypen werden bisweilen von Unternehmen ausgestochen, die öffentlichkeitswirksam Trikots ersteigern. So geschehen bei dem von Just Fontaine, WM-Torschützenkönig von 1958, das eine französische Bank für 12.000 Pfund erwarb, wie Auktionator Fuhr berichtet. Die schwer vorhersehbare Bieterklientel macht es schwierig, Preise zu schätzen.

Viele Faktoren bestimmen den Preis

Dennoch geben einige Kriterien eine Preisrichtung vor: Alter des Trikots, Wichtigkeit des Spiels, Bedeutung des Spielers, Präsentation der Auktion, Originalität des Leibchens. „Für den Fan haben wir es lieber ungewaschen“, sagt Moritz Kratzer von Sportnex. Die Münchner Firma versteigert seit fünf Jahren über die Internetplattform sport-auktion.de Fußballtrikots. Die Trikots kommen direkt von den Vereinen, über 35 arbeiten mittlerweile mit dem Unternehmen zusammen – als weitere Einnahmemöglichkeit neben den Fanshops. Im Durchschnitt kostet ein „matchworn“ Bundesliga-Trikot zwischen 300 und 500 Euro. Oliver Kahns Dress geht aber auch schon einmal für 2.000 Euro weg. Sportnex erhält davon eine Provision.

Das Internetauktionshaus ebay weist in Deutschland monatlich ungefähr 20 Millionen Besucher auf. Unter Memorabilia gibt es auf der Homepage eine eigene Rubrik Sport. Von derzeit knapp 18.000 Fußball-Memorabilia-Produkten sind 44 Trikots. Ein Dress von Torhüter Robert Enke, der 2009 Selbstmord beging, war in den vergangenen Monaten eines der teuersten, wurde für 1.410 Euro verkauft. Auch Versteigerungen für einen guten Zweck treiben die Preise mitunter nach oben. Paul Breitner und Jürgen Sparwasser zum Beispiel tauschten ihre Trikots nach dem 1:0-Sieg der DDR gegen die Bundesrepublik bei der WM 1974. Zugunsten von Opfern der Oder-Flutkatastrophe wurden sie im Jahr 2000 für mehr als 30.000 Euro versteigert. Das Interesse an der Auktion war hoch – auch weil sie im Fernsehen übertragen wurde.

In den Trikots steckt der Held

Doping und Wettskandale wirken sich nicht auf die Preise aus, da sind sich die Fachleute einig. „Dem Fan ist das zwar nicht egal, aber er kauft Emotionen und Vergangenheit“, sagt Fuhr, der seit 1999 in seinem Sportartikelvertrieb Fußballauktionen organisiert. Beliebte Fußballmemorabilia sind aber nicht nur Trikots. Jüngst wurden die Fußballschuhe von Japans ehemaligem Mannschaftskapitän Hidetoshi Nakata zugunsten der Erdbebenopfer in Haiti versteigert. 1,1 Millionen Euro waren dem unbekannten Bieter die Schuhe wert, die Nakata beim WM-Spiel gegen Kroatien in Deutschland 2006 trug.

Der Papierzettel, den Jens Lehmann später während des Elfmeterschießens im Viertelfinale gegen Argentinien unter einem Schienbeinschoner versteckte, ging für eine Million Euro bei einer Spendengala weg. Die sogenannte „Papierkugel Gottes“, die das Uefa-Cup-Halbfinale zwischen dem Hamburger SV und Werder Bremen im vergangenen Jahr entscheidend beeinflusste, brachte 4.510 Euro, die Spieler-des-Jahres-Trophäe von George Best aus dem Jahr 1968 satte 167.250 englische Pfund. Fans waren sogar auf Urinale aus den Spielerkabinen des alten Wembley-Stadions heiß. Aber Trikots sind etwas Besonderes. „Sie haben eine Begehrlichkeit, weil der Held dringesteckt hat“, sagt Fuhr, „es ist ein Stück von ihm.“

veröffentlicht in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (11. April 2010)

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