„Man muss doch den Leuten Hoffnung geben“_Teil 2 des Interviews mit Willi Lemke

24 03 2010

Es folgt der zweite Teil des Interviews mit UN-Sonderberater Willi Lemke. Der ehemalige Manager von Werder Bremen spricht über das „Leuchtturmland“ Südafrika, das Rezept für ein nachhaltiges Entwicklungsprojekt und darüber, wie sich eine Fußballmannschaft auf einer einsamen Insel zusammensetzt.

Wenn Sie einen Werbespot über Sport als Entwicklungs- als Friedensinstrument drehen könnten, welche Schlagworte hätte dieser? Respekt ist für mich die absolute Nummer eins. Gerechtigkeit, Miteinander, Begeisterung, Entwicklung, also Sozialisation durch Sport erfahren. Wenn man gewinnt, nicht gleich einen auf dicken Max machen, bei einer Niederlage nicht völlig verzweifelt sein. Durch Sport lernt man, dass man arbeiten muss, um etwas zu erreichen.

Sie werden oft als Menschenfänger beschrieben. Funktioniert das Menschenfangen auch dann noch, wenn es nicht nur darum geht, über Hilfe zu sprechen, sondern diese auch zu finanzieren? Das ist ein wichtiger Aspekt. Die eigentlichen Verantwortlichen für den Einsatz von Sport in Entwicklungsprojekte in den Ländern sind die Regierungen. Die müssen kapieren, dass sie sich irgendwann an den sportbezogenen Entwicklungshilfeprojekten finanziell beteiligen müssen…

…Und da ist noch viel Bedarf? Da ist noch viel, viel zu tun. Man muss den Personen klar machen, dass man Geld reinstecken muss, sonst gehen die Projekte wieder kaputt. Das ist ein harter, langer Kampf. Vor allem, weil es dann heißt: Herr Lemke, Sport ist doch nicht das Wichtigste und schon gar nicht der Breitensport.

Uli Hoeneß hat gesagt, es war die größte Fehlentscheidung von Sepp Blatter, die WM nach Südafrika zu vergeben. Wie sehr schaden solche Aussagen? Ich werde in keiner Weise auf das Zitat von dem Herrn aus dem Süden eingehen. Meine Position und die der Vereinten Nationen ist, dass die Fifa den Mut hatte, in die Subsahara, ins Leuchtturmland Afrikas eine WM zu vergeben. Die WM wird bunt, sie wird laut und ganz anders als hier. Ich habe die große Hoffnung, dass es innen- wie außenpolitisch ein Durchbruch werden kann. Eine erfolgreiche WM wird Investoren anziehen. Ich weiß, wie viele Menschen in Afrika stolz sind, dass solch eine Veranstaltung auf ihrem Kontinent stattfindet.

Was macht Sie so sicher, dass die Weltmeisterschaft ein Erfolg wird? Ich war beim Confed-Cup, bei der Auslosung auf den Straßen. Ich habe mit den Menschen dort gefeiert – locker, fröhlich, viel lauter, viel greller, viel farbiger als beispielsweise in Vancouver. Ich hatte keine Sekunde Angst gehabt, als ich mit einem Küster und einem Fernsehteam durch einen Township gegangen bin. Ich kann nicht nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die sagen: Das war eine Fehlentscheidung. Man muss doch den Leuten Hoffnung geben. Das kann ich nicht, indem ich sage, ich gehe da nicht hin. Wenn man sich vernünftig verhält, dann wird auch nichts passieren.

Haben Sie auch nach dem Anschlag in Angola nicht an der Entscheidung gezweifelt? Überhaupt nicht. Man kann doch nicht Angola mit Südafrika vergleichen. Wer das tut, sollte sich mal fragen, ob er es während des Kosovo-Krieges etwa nicht gewagt hätte, in Italien Urlaub zu machen. In Angola sind viele Dinge passiert, die in Südafrika nicht passieren werden, weil das Land viel besser vorbereitet ist.

Muss man bei all den positiven Aspekten des Sports nicht auch bedenken, dass durch Wettkämpfe Rivalitäten geweckt, Feindschaften gestärkt oder gar Übergriffe provoziert werden könnten? Ich gehe die Dinge positiv an. Ich kann es überhaupt nicht ab, wenn man einen Tag mit „Um Gottes Willen, es ist bewölkt“ beginnt. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die sagen: Bad news are good news. Für mich sind gute Nachrichten gute Nachrichten, und ich will versuchen, diese in meinem Bereich zu vermitteln.

Frieden durch Sport: Ist das nicht übertrieben? Sport kann einen Beitrag dazu leisten, in Frieden und Respekt zu leben mit jemandem, der eine andere Hautfarbe, eine andere Religion, eine andere politische Meinung hat. Das kann man durch Sport trainieren – am besten schon im Kindergartenalter. Wenn man auf einer einsamen Insel mit 22 Leuten strandet und einen Fußball dabei hat, dann wird bei der Mannschaftszusammenstellung keiner nach der Hautfarbe, der Religion oder der politischen Einstellung fragen. Dann geht es nur darum, ob jemand Fußball spielen kann, sich in die Mannschaft integrieren, sich einbringen will und ein Teamsportler ist, der die Regeln respektiert. Das habe ich kürzlich bei einem Besuch in Qatar Kindern erzählt, die haben das sofort verstanden.

Schon vor zwei Jahren haben Sie gesagt, dass sich die Koordination der Projekte weltweit verbessern muss. Hat sich mittlerweile etwas geändert? Es sind viel zu viele Projekte, die am laufen sind. Und die Koordinierungschancen, die ich persönlich habe, sind gering. Das ist ein ganz dickes Holz, das ich durchbohren muss…

…und sind Sie noch am Anfang? Wenn ich es mit einem Marathon vergleiche, dann bin ich erst bei Kilometer fünf.

Wünschen Sie sich mehr Personal in Ihrer Abteilung oder ein stärkeres Entgegenkommen der Verantwortlichen? Ich hätte natürlich gerne mehr Mitarbeiter. Entscheidender ist aber, dass unsere Ausarbeitungen ernst genommen werden. Entwicklungshilfeprojekte sollten beispielsweise nie isoliert laufen. Es bringt auch nichts, wenn drei Jahre in einen Brunnen investiert wird, und danach nicht mehr. Der versandet innerhalb kürzester Zeit, wenn er nicht gewartet wird. Man muss sicherstellen, dass die Menschen vor Ort dies selbst können. So ist es auch mit Sportprojekten. Wenn sich die lokalen Autoritäten nicht mit den Projekten identifizieren oder wenn es keine lokalen Träger gibt, die das Projekt übernehmen können und wollen, dann ist es sinnlos. Das ist das Problem der Nachhaltigkeit und Eigenverantwortung.

Liegt dieses Problem eher bei den Hilfsorganisationen oder vor Ort, wo die Projekte stattfinden? Es ist ein grundsätzlicher Fehler, dass Regierungen und Geberländer häufig isoliert helfen wollen. Es wäre besser, gemeinsame Projekte zu starten. Nach meiner bisherigen Erfahrung muss man vier Säulen ins Boot holen: Die örtliche Kommune bzw. Dorfgemeinschaft, die nationale Interessensvertretung, den nationalen und den internationalen Sportverband. Außerdem sollten die Regierungen gleich mit Finanzmitteln oder Sachmitteln aushelfen. Wenn man dann mehrere Regierungen hat und eine zurückzieht, läuft das Projekt trotzdem weiter. So erreicht man Nachhaltigkeit. Außerdem erlebe ich leider viele Entwicklungsprojekte, bei denen viel Geld sinnlos verplempert wird.

Wie beurteilen Sie die Entwicklungsarbeit Deutschlands bezogen auf den Sport? Deutschland macht sehr, sehr viel. Sie fördern das Amt an sich, das ist ein wichtiger Beitrag. Ich finde das ausgesprochen schlau. Aber wir müssten aus dem einen Prozent Entwicklungshilfe zwei machen. Es gibt tolle einzelne Projekte, aber insgesamt fehlt es noch ein bisschen an der Unterstützung in Sachen Sport.

Was muss ein UN-Sonderberater für Voraussetzungen mitbringen? Erstmal muss er ganz umfassende Erfahrung aus dem Sport mitbringen. Dann muss man so etwas Ähnliches wie ein Menschenfänger sein, einen langen Atem haben, eine gute Konstitution. Topfit und gesund sollte man zudem sein. Eine klare Zielsetzung ist dabei genau so wichtig wie Visionen, und man darf sich nicht durch einzelne Rückschläge zurückwerfen lassen. Ich lasse mich nicht entmutigen, freue mich auch über kleine Dinge.

Haben Sie noch Lust weiterzumachen? Ja, klar.

Wie sieht das Ban Ki-moon? Er entscheidet das von Jahr zu Jahr, im März ist es wieder soweit. Vergangenes Jahr habe ich einen formlosen Brief bekommen. Ich bin optimistisch und hoffe, dass das auch dieses Jahr wieder der Fall ist.

Was würden Sie gerne als Fazit über sich lesen, wenn Sie das Amt einmal nicht mehr ausüben? Es würde mich freuen, wenn wir das Vorbild-System auf- und ausbauen könnten. Da würde ich etwas schaffen, das nachhaltig verändert. Wenn ich darüber hinaus noch lesen könnte, dass es einige israelisch-palästinensische Sportprojekte gibt, die es Kindern und Jugendlichen aus beiden Ländern ohne politisches Störfeuer ermöglichen, sich gegenseitig mit Respekt zu behandeln. wäre das toll. Das ist wahnsinnig schwer und ein langer Weg.

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