Zwei späte Aussetzer gefährden die Ernte

21 03 2010

Sie wollten nach der 1:2-Niederlage keinen Sündenbock benennen – zumindest nicht öffentlich. Ob Trainer, Manager oder Mitspieler, alle nahmen den jungen österreichischen Bayer David Alaba nach dem Schlusspfiff in der Frankfurter Arena in Schutz. Der Siebzehnjährige hatte kurz zuvor mit einem Fehlpass erst den Ausgleich der Eintracht durch den nur unwesentlich älteren Juvhel Tsoumou und anschließend mit schwachem Abwehrverhalten den Frankfurter Siegtreffer durch Martin Fenin ermöglicht. Beide Gegentore fielen über Alabas linke Abwehrseite. Die Ansicht, Trainer Louis van Gaal hätte dort schon früher wechseln sollen, empfand der Niederländer als „unglaublich“.

Van Gaal, bekannt als Trainer, der alles weiß, fast alles richtig macht und die wenigsten als Fußballexperten anerkennt, fand jedoch auch kritischere Worte. Er habe einen „nicht überragenden“ FC Bayern gesehen, mit vielen Ballverlusten. Frankfurt habe seine Mannschaft immer unter Druck gesetzt, sich viele Möglichkeiten erarbeitet. Man könne die Niederlage sogar als „verdient“ bezeichnen, aber „wir haben es selbst weggegeben“. Stimmt. Allerdings war der Rekordmeister nicht nur „nicht überragend“, sondern eher unglaublich schwach.

Es ist unverständlich, wie ein Favorit mit einer frühen Führung im Rücken ein Spiel bei einem Mittelniveau-Klub derart passiv gestalten kann. Frankfurt war aggressiver, druckvoller, engagierter. Hätte sich Halil Altintop bisweilen etwas schneller bewegt, hätten Benjamin Köhler, Caio und Pirmin Schwegler genauer gezielt oder hätte Daniel van Buyten nicht auf der Linie gestanden, wären die Münchner schon zur Halbzeit deutlich zurückgelegen. Den Bayern fehlte nicht nur Franck Ribéry, ihnen fehlte es fast in allen Belangen.

„Ich glaube nicht, dass uns das entscheidend zurückwirft“

Dribbelkünstler Arjen Robben haderte lieber mit dem Schiedsrichter Michael Weiner oder trabte in der Rückwärtsbewegung lustlos umher, anstatt nach innen zu ziehen und in Lionel-Messi-Manier abzuschließen. Gelang es dem Niederländer doch einmal, rutschte ihm der Schuss über den Spann. Die Münchner diskutierten und gestikulierten viel – jedoch aus Frust und nicht mit dem Gedanken der konstruktiven Kritik. Die Spieler verstanden sich auch bei manchen Pässen und Freistößen nicht.

Der Frankfurter Torwart Oka Nikolov war in der zweiten Hälfte schon so gelangweilt, dass er zwischenzeitlich Trockenübungen machte. Van Gaal sah aber nicht die Überlegenheit der Eintracht als Grund für die späten Tore, sondern die verletzungsbedingte Herausnahme von Verteidiger Daniel van Buyten, der eine Prellung des Jochbeins und der Augenhöhle erlitt. „Das war der Drehpunkt“, sagte sein Trainer.

Nun muss man den Bayern zu Gute halten, dass sie auch mit dieser schwachen Leistung beinahe gewonnen hätten. Meisterlich war aber nur die Gelassenheit nach der Niederlage. „Ich glaube nicht, dass uns das entscheidend zurückwirft“, sagte Manager Christian Nerlinger. Er könne nicht alles „in Schutt und Asche reden“, was in den vergangenen Wochen aufgebaut worden sei. „Jetzt müssen wir halt gegen die Mitkonkurrenten gewinnen“, fuhr Nerlinger fort, „und das traue ich dem Team zu.“

„Wir sind keine Maschinen“ – Schalke aber auch nicht

Kapitän Mark van Bommel machte sich indes keine Sorgen in Bezug auf die Meisterschaft; er habe „keine Panik“. „Wir waren schon einmal acht Punkte zurück“, sagte er mehrmals. Auch damals habe keiner an eine Rückkehr der Münchner geglaubt. „Und jetzt sind wir vorn.“ Noch. Leverkusen nutzte den Bayern-Patzer zwar nicht aus, verlor 0:3 in Dortmund. Aber Schalke kann mit einem Sieg in Hamburg am Sonntag (21.03.) die Tabellenführung übernehmen. Aber der Vorsprung auf Schalke ist durch das 2:2 der Gelsenkirchener in Hamburg auf einen Punkt geschmolzen.

Der FC Bayern verlor in Frankfurt am Samstag seit 19 Bundesliga-Partien wieder. Das ist in der Tat kein „Weltuntergang“, wie Bastian Schweinsteiger sagte. Außerdem spielen die Bayern noch gegen die beiden Titel-Mitkonkurrenten. Dennoch sollte die Spielweise in Frankfurt den Rekordmeister alarmieren, zumal der FC Bayern auch in den beiden vorherigen Auswärtspartien gegen Nürnberg und Köln nicht überzeugte. „Wir sind keine Maschinen“, sagte van Bommel.

Das sind die Schalker auch nicht. Das Team des ehemaligen Bayern-Trainers Felix Magath bewies aber vor zwei Wochen, wie man in Frankfurt (4:1) gewinnt und überzeugt. Genau gegen diese Schalker können sich die Bayern nun am Mittwoch im DFB-Pokal-Halbfinale rehabilitieren. Es ist das erste der „eminent wichtigen“ Spiele in den kommenden Wochen, wie es Nerlinger formulierte. „Wir wollen schließlich die Ernte einfahren.“ Zum Glück für die Bayern wurde die Saat nicht nur in Frankfurt verteilt.

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veröffentlicht auf FAZ.NET (20. März 2010)

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