Ein Tempodribbler in der Sackgasse

21 03 2010

Er stach schon beim Aufwärmen hervor. Es war, als wolle Arjen Robben in der Frankfurter Arena bei den Einspiel- und Dehnübungen die Diskussion um seine Kleiderordnung fortführen. Diesmal präsentierte sich der niederländische Linksfuß in langer blauer Trainingshose – als einziger Spieler der Startelf. Die Kollegen trugen weiße Shorts. Das erleichterte es, dem Münchner zu folgen. Lockere Doppelpässe, kurze, schnelle Antritte, Beinschüsse der Kollegen – Robben zeigte beim Aufwärmspiel, was er kann.

Nach der letzten Mannschaftsbesprechung vor Anpfiff kam der 1,81-Meter-Mann als Letzter aus der Kabine. Trotz der ersten frühlingshaften Temperaturen 2010 trug Robben ein langärmeliges Funktionsshirt. Das Trikot zog er erst im Spielertunnel an. Nicht nur damit war er spät dran. Während die Teams schon aufs Feld liefen, konnte Robben nur mit einer Jogging-Einlage in den Katakomben noch aufschließen. Motivationsmangel vor der Partie beim Mittelklasseklub aus Frankfurt?

Fehlanzeige! Der Sechsundzwanzigjährige war auf dem Rasen sofort hellwach. Eine gekonnte Ballmitnahme, ein kurzer Sprint – dynamisch, schwer zu unterbinden – und nach 54 Sekunden hatte Robben bereits zum ersten Mal auf das Frankfurter Tor geschossen. Nach fünf Minuten ermahnte ihn sein Kapitän und Landsmann Mark van Bommel jedoch, nach hinten zu arbeiten. Die erste Episode eines diskussionsintensiven Nachmittags. Robben sollte später noch Thomas Müller anmeckern, als dieser ihn nicht lang auf der Außenbahn schickte, sich nach eigenem Ballverlust bei den Mitspielern beschweren, dass diese sich nicht freilaufen und des öfteren mit Schiedsrichter Michael Weiner hadern.

Langsames Traben und explosive Tempodribblings

Zunächst lief es aber nach Plan. Am 1:0 des FC Bayern München durch Miroslav Klose war Arjen Robben beteiligt. Er stand im Abseits – das Schiedsrichtergespann entschied auf passiv – und der Niederländer sorgte damit zumindest für Verwirrung im Strafraum, sodass Klose ungehindert treffen konnte. Fast jeder erwartete nun ein Torfestival des Rekordmeisters, doch es kam anders.

Daran konnte auch Robben nichts ändern. Egal, ob er nun den Ball artistisch mit dem Knie im Sprung weiterleitete, nach Mitleid suchte, als er umknickte, keines fand und sich sofort wieder anbot, oder im Zweikampf ein Foul markierte und sich mit schmerzverzerrtem Blick den Rücken hielt. Es klappte nicht viel, nicht bei Robben und damit auch nicht bei den Bayern. Der deutsche Rekordmeister steckte nach gutem Beginn in der Sackgasse.

Nun ist Robbens Spiel von langsamem Traben in der Rückwärtsbewegung und explosiven Tempodribblings in der Offensive geprägt – wie ein Induktionsherd, der in Schüben den Kochtopf heizt. Die Wärmphase (Offensive) so heiß, dass das Wasser schnell kocht, in den Pausen (Defensive) beinahe so kühl, dass man sich die Hand auf der Platte nicht verbrennt.

Robben ist gefährlich, wenn er Platz für Alleingänge hat

In Frankfurt stand Robben aber vor allem in den kühleren Phasen am Herd. Aber auch an schwächeren Tagen ist Robben immer gefährlich, wenn ihm der Ball in den Lauf gepasst wird, er Platz hat für seine Alleingänge. So auch dreimal in Frankfurt. Die ersten beiden Situationen (36. und 64. Spielminute) schloss er selbst ab, verzog den Ball aber.

Seine beste Aktion war ein Querdribbling am Eintracht-Strafraum. Er führte den Ball so eng, dass er Chris‘ Grätsche umkurven konnte, und diese den Frankfurter Kollegen Marco Russ zu Fall brachte. Robben hingegen behielt die Übersicht, spielte Anatolij Timoschtschuk schön frei. Hätte der Ukrainer in dieser 70. Minute das 2:0 erzielt, wäre die Partie zugunsten des FC Bayern entschieden gewesen, und Robben hätte für seine Ballkünste wieder Beifall bekommen.

Ohne gute Pässe kann Robben kein Spiel entscheiden

Diesen hat der niederländische Nationalspieler, der vor kurzem zum zweiten Mal Vater wurde, zweifelsohne manchmal verdient. Doch gewiss nicht in Frankfurt. Dort bot er sich bei einem Freistoß kurz an, van Bommel spielte jedoch den langen Ball – ein symbolisches Bild für das gesamte Auftreten des Titelaspiranten in Hessen. Doch Robben streckte den Daumen in die Höhe, machte weiter, vor allem unauffällig. Außer, wenn er sich benachteiligt fühlte. Die Dynamik des Armschwungs beim Abwinken nach einer Schiedsrichterentscheidung in der zweiten Hälfte, hätten sich die Bayern-Fans lieber öfter im Fußbereich des Außenbahnspielers gewünscht.

Arjen Robben war in einer schwachen Münchner Mannschaft aber noch einer der stärkeren – zumindest im Angriff. Wurde das Spiel einmal schnell und gefährlich, war der Niederländer nicht weit. Es wurde aber klar: Ohne gute Pässe und Mitspieler, die durch Laufwege Räume schaffen, kann auch ein Robben in der Bundesliga nicht immer ein Spiel alleine entscheiden. Nichtsdestotrotz zeigte der Abgang des Linksfußes, dass er noch Luft hatte für mehr Arbeit, für mehr Engagement: Nachdem sich Robben bei den Schiedsrichtern verabschiedet hatte, joggte der Bayern-Profi direkt in die Kabine zurück – und das mit höherem Tempo als in der Rückwärtsbewegung.

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veröffentlicht auf FAZ.NET (21. März 2010)

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