Lokführer Lemke unter Dampf_Ob bei Werder oder als „World Wide Willi“: Der UN-Sonderberater glaubt an die soziale Kraft des Sports

19 03 2010

Es gibt ihn in zwei Versionen: als Bremer, der mit Herz und Seele beim Fußballklub Werder ist, und als Staatsmann, der im Auftrag der Vereinten Nationen für den Sport wirbt – und daher auch schon einmal „World Wide Willi“ genannt wird. Willi Lemke schafft den Spagat zwischen seinen Funktionen als Aufsichtsratsvorsitzender von Werder Bremen und als UN-Sonderberater für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden. Hier werden Millionensummen für Fußballprofis verhandelt, dort geht es um Entwicklungshilfe an der Basis. Manchmal komme er bei diesem Wechsel schon ins Grübeln: „Es ist ungerecht, dass ein Spielervermittler für fünf Telefonate Millionen erhält und ich auf der anderen Seite um jeden Tausender kämpfen muss, der einem Afrikaner eine Chance ermöglicht.“ Ein Rückzug aus Bremen sei aber keine Option: „Werder ist mein Leben.“

Seit 2008 schwappt dieses Leben in die ganze Welt, in dieser Woche jährt sich die Berufung durch UN-Generalsekretär Ban Ki-moon zum zweiten Mal. Am Mittwoch erschien Lemkes Buch „Ein Bolzplatz für Bouaké“. Der Dreiundsechzigjährige fasst darin seine bisherigen Erfahrungen zusammen. Das Projekt in Bouaké in der Elfenbeinküste ist eine seiner Lieblingsgeschichten. Dort gibt es eine Judoschule mit 200 jungen Afrikanern – darunter viele Mädchen. Mit Hilfe des deutschen Außenministeriums konnte Lemke Judoanzüge für alle Teilnehmer zur Verfügung stellen. Bei einem Besuch zeigte ihm der örtliche UN-Kommandeur, wo ein Fußballplatz für die Soldaten entstehen sollte. Lemke fragte, ob ein Feld für alle mitten im Dorf nicht besser sei. Nach anfänglichem Murren wurde der Bolzplatz an Heiligabend 2009 offiziell eröffnet. „Das ist doch genial“, sagt Lemke.

Er mag Superlative. Im Einzelgespräch in seinem Bremer Lieblingshotel hält er sich mit Gesten zurück – ganz im Gegenteil zu Vorträgen. Man merkt, dass er oft über sein Amt spricht. Erachtet er etwas für wichtig, ist die Stimme sofort lauter, der Oberkörper nach vorn gebeugt, die rechte Hand gestikuliert. Es zeigen sich beide Rollen: Diplomat und Fußballfan. Er drückt sich vorsichtig aus, verwendet aber auch Begriffe wie „totale Party-Time“ oder „bollstrackenfertigweg“ in Bezug auf seine Müdigkeit wegen des Jetlags vom vielen Fliegen. Manchmal umgeht er Fragen, indem er seine Antwort auf Werder Bremen lenkt.

Willi Lemke gilt als Motivator, als Macher, als einer, der die Ärmel hochkrempelt, der gerne anpackt. Er konzentriert sich in seinem UN-Amt auf fünf Hauptpunkte: Afrika fokussieren, Gleichstellung fördern, Vorbilder schaffen, Behindertensport unterstützen, Nahost-Konflikt entschärfen. Er ist überzeugt von sich und seiner Arbeit – und er ist glücklich. „Es ist eine Lebenstraumerfüllung“, sagt Lemke. Im Rücken die große Organisation der UN, aber im Angesicht den Staub in einem afrikanischen Dorf – von der Spitze in die Breite. Das gefällt Lemke. Er weiß, er braucht die Sportstars, die großen Institutionen wie den Fußball-Weltverband Fifa oder das Internationale Olympische Komitee. Ihm sind aber die Vorbilder vor Ort wichtiger. Das verdeutlicht der Vater von vier Kindern an einer Eisenbahn-Metapher. In der Lokomotive sitzen die Stars, die Drogbas, die Eto’os. Sie bringen Kinder dazu, Sport zu treiben. In den Waggons fahren Sportler mit, die nicht ganz so gut wie die Profis sind, sich aber für die anderen Passagiere einsetzen, ihnen ein Vorbild sind. Alle können sich mit dem Zug identifizieren, und alle fahren mit: Frauen, Männer, Kinder, Senioren, Behinderte. „Die Vorbilder aus der Nachbarschaft zeigen den anderen: Wir haben eine Chance“, sagt Lemke. Deshalb vermittelt er afrikanische Jugendliche als Praktikanten nach Europa, auch zu Werder Bremen. Sie sollen in ihre Länder zurückkehren, das Gelernte weitertragen – und später Führungskräfte in ihrer Heimat werden.

Neben dem Initiieren von Projekten repräsentiert Lemke den Generalsekretär Ban Ki-moon, koordiniert Tätigkeiten innerhalb der Vereinten Nationen, führt mögliche Kooperationspartner und Geldgeber zusammen. Außerdem setzt er das Bemühen seines Schweizer Vorgängers Adolf Ogi fort, den Sport als Instrument für Entwicklung und Frieden hervorzuheben – „ein schwieriger und zäher Prozess“. Beide messen dem Sport besondere Stärken zu: Respekt, Integration, Fairplay, Solidarität, Ehrgeiz, Entwicklung. Die Liste ist lang. Sport könne einen Beitrag zum Frieden leisten. Diese Ideen treiben Lemke an. „Er hat ein Herz für die Aufgabe“, sagt Ogi über seinen Nachfolger, „das ist wichtig.“ Lemkes Chef, UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, ist zufrieden mit dessen Arbeit. „Den Sport als Entwicklungs- und Friedensinstrument innerhalb und außerhalb des UN-Systems zu stärken, hat er erfolgreich fortgeführt“, ließ Ban auf Anfrage verlauten. Er freue sich, dass Lemke „ohne Berührungsängste viele Projekte und Programme initiiert und gleichermaßen nach Unterstützern sucht“.

Lemke selbst erfährt bei der Bundesregierung Unterstützung, sie zahlt jährlich 450 000 Euro für sein Amt. Davon werden seine Mitarbeiter und die Spesen bezahlt, er selbst erhält symbolisch einen Euro pro Jahr. Geld für Projekte steht ihm nicht zur Verfügung. Der Bremer freut sich über die Subvention, wünscht sich aber, dass die Regierung die Entwicklungshilfeausgaben für den Sport verdoppelt. Derzeit fließt nur rund ein Prozent des Gesamtvolumens in sein Metier.

„Der Job zehrt an mir“, sagt Lemke. Er will aber noch ein paar Jahre weitermachen und ist optimistisch, in nächster Zeit einen Brief von Ban Ki-moon zu erhalten. Er hat jedoch schon einen Titelwunsch für seinen Abschied, wenn es irgendwann nicht mehr geht: „Willi Lemke hat ein nachhaltiges Vorbild-System aufgebaut.“ Als Geschenk würde sich dann eine Miniaturausgabe seines Eisenbahnmodells eignen.

veröffentlicht in der FAZ (19. März 2010) 

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