„Sport eignet sich hervorragend für Entwicklungsarbeit“_Teil 1 des Interviews mit UN-Sonderberater Willi Lemke

17 03 2010

Für die FAZ habe ich mich mit Willi Lemke in Bremen getroffen. Der Sonderberater der Vereinten Nationen für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden hat sich viel Zeit genommen. Er trinkt gerne Tee und war aufgrund des Jetlags schon seit 3.13 Uhr nachts wach, er wusste noch den genauen Zeitpunkt. Für die FAZ habe ich darüber einen Artikel geschrieben, der demnächst erscheint. Das Interview hat mir Willi Lemke freundlicherweise für Sportlich autorisiert. Ich bringe es in zwei Teilen. In Part eins spricht Lemke über Vorbilder in einem Slum, die Werte des Sports sowie die Vorzüge des paralympischen gegenüber dem olympischen Sport.

Herr Lemke, Sie sind vor ein paar Tagen von den Olympischen Winterspielen zurückgekehrt. Wie war Ihr Eindruck von Vancouver? Als Besucher war es phänomenal, die totale Party-Time mit ausgelassener und fröhlicher Stimmung. Man war überall willkommen. Der multikulturelle Aspekt ist in Vancouver nicht zu übersehen. Furchtbar allerdings war der Unfall des georgischen Rodlers. Ich sage: Leute, kommt runter, ihr müsst nicht immer einen Weltrekord haben. Spannende Wettkämpfe genügen. Es soll niemand Angst haben um seine Gesundheit, um sein Leben. Insgesamt habe ich aber eine unglaublich positive Rückmeldung bekommen. Sotschi wird sich anstrengen müssen, solche Spiele zu veranstalten.

Sie sind bald zwei Jahre im Amt als Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden. Wird man in einer solchen Funktion ein anderer Mensch? Nein. Wenn du 50 überschritten hast, dann änderst du dich nicht mehr. Das ist ja bekannt. Ich bin kein anderer Mensch, aber ich habe die Welt gesehen, wie sie ist. Ich hatte Afrika beispielsweise vorher nie so erlebt, kannte nur den Norden. In meinen Dienstreisen, vor allem in der Subsahara, habe ich dann aber Leid und Elend direkt erlebt. Darüber täglich nachzudenken und zu reflektieren, das verändert einen.

Wenn man es negativ betrachtet, könnte Ihre Tätigkeit angesichts der unzähligen Problemfelder in der Welt die Überschrift tragen: Hoffnungslosigkeit eines Weltverbesserers. Ist der Druck unter vielen Hilfsbedürftigen den einen auszuwählen, nicht riesig? Ich finde es genau umgekehrt: total befreiend. Es ist gut, dass ich in meiner Position etwas bewirken kann. Ich will etwas umsetzen, das können auch kleine Dinge sein. Ich kann nicht die Welt verbessern, ich bin aber auch kein Weltverbesserer. Die fantastischen Projekte möchte ich unterstützen. Ich sauge diese Ansätze auf und versuche sie woanders angepasst einzusetzen. Dann habe ich in kleinen Schritten etwas verbessert.

Erfährt man in Ihrer Tätigkeit auch Dankbarkeit oder hört man immer nur Bittstellungen? Auf jeden Fall viel mehr als in der Kommunalpolitik. In der Bildungspolitik konnte ich alles machen, und es war immer falsch. Wenn ich jetzt Afrikaner nach Bremen hole, um dort Praktika bei Werder oder im Radio zu machen, werden sie das ihr Leben nicht vergessen. Und sie sind die wirklichen Vorbilder – nicht die Drogbas und Eto’os. Die anderen sehen dann: Der war fleißig, hat die Ärmel hochgekrempelt. Der hat die Schule zu Ende gemacht, der hat aufgehört zu kiffen, zu klauen. Der hat sich integriert, hat ein Sportprojekt mitgemacht, war ehrenamtlich tätig und hat sich dann so hochgearbeitet, dass er ein Praktikum in Bremen machen konnte. Das ist für mich ein Vorbild in einem Slum.

Dennoch benötigenSie die prominenten Vorbilder als Zugpferde. Würden Sie lieber die Stars, die Fifa, das IOC beiseite lassen und sich nur auf die Nachbarschafts- Idole konzentrieren? Nein, ich brauche beides. Es wäre völlig falsch, wenn ich sagen würde: Wir brauchen nur Eto’os und Drogbas, weil die Kinder millionenfach frustriert wären. Denn die meisten schaffen den Sprung zum Star eben nicht. Dabei vergessen sie auch noch ihre Schulbildung, denken nicht daran, dass sie auch studieren könnten. Sie verplempern ihre Sozialisation, ihre Erziehung. Da ist es mir lieber, wenn sie weiterhin von Eto’o träumen, aber eine Ausbildung machen und später im eigenen Land aushelfen, anstatt nach Amerika oder in ein anderes westliches Land zu gehen. Die Vorbilder aus der Nachbarschaft zeigen den anderen: Wir haben eine Chance.

Sie brauchen den Superstar und die großen Institutionen aber auch als Geldgeber. Natürlich. Ich vergleiche das gerne mit einer Bahn. In diesem großen Zug sind alle drin: Frauen, Männer, Kinder, Seniorensportler, Behindertensportler. Mit dem Zug können sich alle identifizieren. In der Lokomotive sitzen die Drogbas und Eto’os. Sie bringen Kinder dazu, Sport zu treiben. In den einzelnen Waggons gibt es Sportler, die nicht so gut wie die Stars sind, sich aber für die Mitreisenden einsetzen – und genau dieses Bild zeigt, dass wir Spitzen- und Breitensportler als Vorbilder brauchen.

Bei Amtsantritt haben Sie gesagt, dass Sie den minimalen Anteil, der in Deutschland von der Gesamtentwicklungshilfe in den Sport fließt, verdoppeln wollen. Das wäre mein großer Wunsch. Deshalb gucke ich hoffnungsvoll auf den neuen Entwicklungshilfeminister. Ich habe im April einen Termin bei ihm und hoffe, ihn überzeugen zu können, dass Sport ein ganz, ganz wichtiges Instrument der Entwicklungshilfe ist, viel wichtiger als andere.

Ihr Vorgänger Adolf Ogi meinte, er musste während seiner Amtszeit stets für die Bedeutung des Sports kämpfen. Müssen Sie diesen Kampf immer noch fortführen? Ja, ganz klar. Da hat sich nichts Grundlegendes geändert. Ich habe das Staffelholz von ihm bekommen und versuche es weiterzutragen. Das ist ein ganz schwieriger und zäher Prozess, weil nicht überall in den Ministerien sportbegeisterte Leute sitzen. Auch in den afrikanischen Ländern heißt es oft: Wozu brauchen wir Sport, das ist doch Luxus.

Was entgegnen Sie in diesen Situationen? Sport hat unglaublich viele Werte für die Menschen. Die soziale Entwicklung ist durch nichts so gut voranzubringen wie durch den Sport. Der Geschlechter-Aspekt ist ein weiterer Punkt. Viele Millenniumsziele können durch Sport umgesetzt werden, er eignet sich hervorragend für Entwicklungsarbeit. Man kann die Menschen durch Sport im positiven Sinne verändern. Ein Sportler weiß, dass man hart arbeiten muss, dass man sich motivieren muss, dass man sich selbst zwingen können muss, um eine gute Leistung zu bringen.

Sie fliegen demnächst wieder nach Vancouver zu den Paralympics. Inwiefern unterscheiden sich ihre Aufgaben im Behindertensport von denen im Fußgängersport? Es ist ganz besonders wichtig, den Behindertensport zu unterstützen. Ich habe fünf Prioritäten: Erstens Afrika. Das ist ein Hauptpunkt. Zum Zweiten Vorbilder suchen, identifizieren, fördern, nach Europa bringen, damit sie in ihren Heimatländern als Vorbilder dienen und wichtige Position übernehmen können. Der dritte Punkt ist der Gender-Aspekt. Hier sehe ich weltweit viel, viel Handlungsbedarf. Der vierte Punkt sind die Behindertensportler. Ich weiß, wie viele Millionen Menschen immer noch völlig isoliert leben, weil sich ihre Eltern oder Angehörigen schämen, sie in der Öffentlichkeit zu zeigen. Der Wert einer Gesellschaft zeigt sich aber auch daran, wie diese mit Menschen mit Behinderung umgeht. Und die fünfte Priorität ist der Konflikt im Nahen Osten zwischen Israel und Palästina.

Sie haben über den Behindertensport einmal gesagt, dass dort die Freude am größten ist. Was kann der olympische Sport vom paralympischen lernen? Die unbändige Freude über die eigene Leistung ohne Hintergedanken. Wenn sich ein Behindertensportler freut, tut er das auf eine unglaublich schöne und natürliche Weise. Man merkt, wie glücklich er über seine eigene Leistung ist. Das ist für mich olympisch. Wenn einer bei den Olympischen Spielen seine Bestleistung zeigt und Vierter wird, beißt er sich vor Wut in den Hintern und bekommt bestenfalls eine kleine Fußnote.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach? Das ist der Druck der Gesellschaft, der Druck, der von überall herkommt: von den Sponsoren, von den Medien, vom gesamten Umfeld.

Sie galten früher als eine Person der deutlichen Worte. In Ihrer jetzigen Funktion sind Sie sehr diplomatisch. Ist es aber nicht gerade als UN-Sonderberater wichtig, auch einmal auf den Tisch zu hauen? Es ist in der Tat so, dass ich keine klaren Worte sprechen kann, sondern mich immer sehr diplomatisch ausdrücken muss. Der Generalsekretär darf auf den Tisch hauen, aber als höchster Diplomat überlegt auch er sich das sehr gut. Ich würde das manchmal gerne machen, aber ich darf es nicht.

Ihr neues Buch „Ein Bolzplatz für Bouaké“ erscheint am 17. März. Darin fassen sie ihre bisherige Amtszeit zusammen. Wie zufrieden sind Sie? Persönlich bin ich mit dem, was ich umgesetzt habe, sehr zufrieden. Ich hätte gerne noch viel mehr gemacht. Aber ich bin über 60 und mein Körper ist nicht mehr so strapazierfähig. Ich bin manchmal sehr erschöpft, wenn ich von einer Zeitzone in die nächste rutsche. Es geht Woche für Woche, Schlag auf Schlag. Ich wäre gern noch einmal zehn Jahre jünger, damit ich noch mehr Energie hätte.

Machen sich Ihre Mühen bezahlt? Ich habe mal gesagt, dass es sich gelohnt hat, wenn ich nur ein einziges Menschenleben retten kann. Dann war der Job für mich in Ordnung. Wenn es mir gelingt, viele Schicksale zu ändern – und ich bin ziemlich sicher, dass mir das schon nach zwei Jahren gelungen ist – dann ist das für mich absolut zufrieden stellend. Ich will mich jetzt nicht selbst beweihräuchern, aber ich kann jeden Morgen in den Spiegel gucken.

Was sagt Ihre Frau zu den Strapazen? Die ist einerseits besorgt, dass ich überpace, irgendwann in eine Sauerstoffschuld komme, von der ich mich nicht mehr erhole. Andererseits sagt sie: Du bist total glücklich. Das kriegt sie ja mit. Der Job ist für mich eine Lebenstraumerfüllung.

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: