Ein Ausweg für Außenseiter_“Düsseldorfer Modell“ analysiert Kinder, empfiehlt Bewegungsangebote – und ist damit erfolgreich

15 02 2010

Der Volksmund behauptet: Kinder und Jugendliche werden immer dicker und unsportlicher. Allgemeingültig ist das nicht, das belegen wissenschaftliche Analysen. Auch in Düsseldorf trifft das nicht zu. Denn dort hat das Sportamt zusammen mit dem Stadtsportbund und der Universität schon 2002 das „Düsseldorfer Modell“ (Dümo) der Bewegungs-, Sport- und Talentförderung entwickelt. Das Ziel: Bewegungsdefizite abbauen, sportmotorische Fähigkeiten stützen, Talente fördern.

Seit dem Projektstart sammeln die Dümo-Verantwortlichen mit Hilfe von Sportwissenschaftlern der Universitäten Düsseldorf und Wuppertal Daten zum Sportverhalten und zur Fitness des Nachwuchses. 25 000 Zweitklässler („Check“) und 15 000 Fünftklässler („Re-Check“) wurden bisher analysiert, in sogenannten motodiagnostischen Komplextests. Die neuesten Ergebnisse haben untermauert, welchen Erfolg die Konzeption hat. Unter allen Kindern und Jugendlichen galten vergangenes Jahr 8,5 Prozent als sportmotorisch mangelhaft, 2003 lag diese Quote noch drei Prozentpunkte höher. Die Anzahl der übergewichtigen Kinder nahm im gleichen Maße ab, außerdem sind mehr Kinder Mitglieder in Sportvereinen. Mittlerweile haben Nachbarstädte das Modell übernommen.

Martin ist zehn Jahre alt, er geht in die vierte Klasse einer Düsseldorfer Gemeinschaftsgrundschule. Vor zwei Jahren nahm er am sportmotorischen Test des Düsseldorfer Modells teil, schnitt mit der Schulnote fünf ab. Martin war adipös, verweigerte sich oftmals dem Sportunterricht. Heute ist er sichtlich schlanker, treibt öfter Sport, und auch seine kognitiven Leistungen haben sich verbessert. Seine gesamte Einstellung zur Schule veränderte sich positiv, und er hat mittlerweile eine Empfehlung für die Realschule. „Es wäre vermessen das allein auf das Modell zurückzuführen“, sagt Martins Schulleiter Richard Schmitz, der gleichzeitig Schulsportberater ist, „aber es ist sicherlich ein Baustein, Probleme bewusst zu machen – auch im Elternhaus.“ In der Familie habe ein Umdenken stattgefunden, die Ernährung sei besser geworden. „Martin ist jetzt im Normbereich der Klasse, während er vorher der Außenseiter war. Seine Persönlichkeit ist gefestigter“, sagt Schmitz.

Zu einer Fachtagung des Düsseldorfer Modells Ende November 2009 kamen unter anderem Vertreter aus Berlin, Stuttgart und Basel. „Es ist das beste Modell, das derzeit existiert“, sagt Andi Mündörfer vom Stuttgarter Sportamt, „man erreicht alle Kinder, kann Jugendliche gezielt ansprechen.“ Insgesamt sei das Konzept eine „tolle Gratwanderung, den Kindern zu helfen, aber den Eltern dabei nicht zu sehr in die Erziehung zu reden“. Worauf sollten Dümo-Nachahmer achten? „Es muss ein Engagement von Amt, Schule und Verein sein“, sagt der Düsseldorfer Beigeordnete Burkhard Hintzsche, „und 70 000 Euro sind in einer Stadt wie Düsseldorf im Jahreshaushalt nötig.“ Erstaunlich sei, dass sehr viele Schüler und Institutionen mitmachen, obwohl die Teilnahme freiwillig ist. Das Konzept fußt auf vier Altersstufen – Vorschulkinder, Erst- und Zweitklässler, Dritt- und Viertklässler sowie Schüler der Sekundarstufe, mit Forschungsschwerpunkt bei Zweit- und Fünftklässlern. Am Ende jeder Stufe werden die motorischen Fähigkeiten überprüft, die Ergebnisse bestimmen weitere Fördervorschläge, die sich nach der Begabung richten. Das Ziel ist erreicht, wenn keine Förderung mehr nötig, die Kinder und Jugendlichen sportlich aktiv sind, Sport zum Lebensstil gehört und die Talente in gut funktionierenden Stützpunkten, Internaten oder Partnerschulen untergebracht sind.

Das Düsseldorfer Sportamt koordiniert Förderkurse in Zusammenarbeit mit Kindergärten, Schulen, Bädern und Vereinen. Aus kommunalen Mitteln werden auch Talentgruppen aufgebaut, Bewegungsfeste veranstaltet oder Kita-Schwimmen angeboten. Im offenen Ganztag der meisten Grundschulen sind mittlerweile dreißig Prozent aller Bildungsangebote sportlicher Natur, zwölf Düsseldorfer Kindergärten sind zu Bewegungskitas weiterentwickelt worden. In „Talentiaden“ werden besonders Begabte gesichtet, auf der jährlichen Kindersportmesse „Kids in Action“ lernt der Nachwuchs Sportarten wie Unterwasserrugby, Voltigieren oder Fechten und vielfältige andere Formen der sportlichen Freizeitgestaltung kennen. „Außerdem haben die Eltern die Möglichkeit, sich bei uns zu melden“, sagt Clemens Bachmann vom Düsseldorfer Sportamt, „wir beraten sie entsprechend der Testergebnisse ihrer Kinder über weitere Fördermaßnahmen.“ Das Sportamt organisiert überdies Lehrgänge für Trainer, Übungsleiter, Erzieher sowie Lehrer und vermittelt Informationen über Vereine und Sportzentren.

Der Wert des Düsseldorfer Modells liegt aber nicht nur in der Förderung, sondern ebenso im Datenmaterial. Dieses gibt auch Aufschluss über die Einflüsse des Umfeldes auf das Sportverhalten. „Die größten Einflussfaktoren sind soziale Belastung, Migrationshintergrund, Vereinszugehörigkeit und Sportaffinität der Eltern“, sagt Bachmann. Die Ergebnisse haben beispielsweise gezeigt, dass Kinder und Jugendliche mit hoher sozialer Belastung weniger leistungsfähig sind. Professor Theodor Stemper ist der Herr der Zahlen, er leitet die Untersuchungen. „Sport ist mittel- und oberschichtenlastig“, sagt er und verweist auf einen weiteren Zusammenhang: Die fittesten Kinder hatten auch die besten Mathematik- und Deutschnoten. Was nicht heißt: Wer sportlich fit ist, kann auch gut rechnen. „Es bestätigt aber, dass Kinder mit einer guten Förderung sportlich und schulisch gut sind“, sagt Stemper.

Der Düsseldorfer Landtag und der Landeselternrat empfehlen mittlerweile, dass in seiner Gesamtkonzeption einmalige Modell flächendeckend für Nordrhein-Westfalen umzusetzen. „Das Düsseldorfer Modell erscheint mir insbesondere deswegen interessant, weil es die Kinder in ihrer Entwicklung über mehrere Jahre begleitet“, sagt die Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages Dagmar Freitag, „ich hoffe, dass die Bewegungsempfehlungen von den Eltern auf- und ernst genommen werden.“

Kinder und Jugendliche sind heute zwar gefährdeter, dick und unsportlich zu werden. Gründe sind eine Vielzahl an medialen Ablenkungsmöglichkeiten wie Internet oder Spielkonsolen, die zunehmende Motorisierung – Kinder kommen heute vermehrt mit dem Bus oder dem Auto in die Schule statt per Fuß oder Rad – und die häufige Berufstätigkeit beider Eltern, so dass weniger Zeit für familiäres Herumtoben im Freien bleibt. Das Düsseldorfer Modell belegt jedoch: Kinder und Jugendliche von heute sind nicht per se dicker und unsportlicher als früher. Sie müssen inzwischen nur verstärkt zum Sport und zur Bewegung animiert werden. Doch die Bereitschaft, solche Angebote auch anzunehmen, ist vorhanden.

veröffentlicht in der FAZ (13. Februar 2010)

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