Über den Vereinszaun blicken_Der Stein rollt: Gute Ansätze und Ideen bei einer Podiumsdiskussion zur Zukunft des Rüsselsheimer Fußballs

2 02 2010

Rüsselsheim. Es war wie ein schlechter Witz, als der SC Opel Rüsselsheim auf der Leinwand das 1:0 gegen den FSV Frankfurt erzielte und just im Tormoment das Bild ausfiel. Der schwarz-weiße Videoausschnitt des Regionalligaspiels vom 18. April 1966 sollte die 80 Zuhörer vergangene Woche bei einer Podiumsdiskussion im Rüsselsheimer Opel-Forum einstimmen. Das Thema: „Welche Zukunft hat der Rüsselsheimer Fußball?“ Die Unterpunkte: „Soll und kann Spitzenfußball in Rüsselsheim geboten werden? Wie sieht es mit vereinsübergreifender Jugendarbeit aus? Machen Kooperationen zwischen Vereinen Sinn, oder ist die Vereinsvielfalt im Sinne von Fußball als Breitensport sogar von Vorteil?“ Wenn schon in den glorreichen Erinnerungsstücken das Bild schwarz wird, wie sieht dann erst die Zukunft aus, mag man denken. Eine gemeinsame Vorstellung dieser hatten die Diskutanten immerhin: Nach Rüsselsheim gehört höherklassiger Fußball, und die Klubs müssen umdenken.

Rüsselsheim ist, an der Einwohnerzahl gemessen, die zehntgrößte Kommune Hessens, fußballerisch hinkt die Stadt seit Jahren hinterher. „Es muss eine Organisationsform gefunden werden, damit gute Spieler in der Stadt bleiben – egal, bei welchem Verein“, sagte Kreisfußballwart Robert Neubauer, der sich freute, dass sämtliche Rüsselsheimer Vereine unter den Gästen vertreten waren. „Eine große Chance für neue Wege ist der Jugendfußball.“
Ein neuer Weg ist beispielsweise die Zusammenarbeit im Nachwuchs-, aber auch im Erwachsenenbereich. „Solange jeder Verein sein eigenes Süppchen kocht, wird es in Rüsselsheim keinen höherklassigen Fußball geben“, sagte Helmut Popp, der sich als Vorsitzender der Handballspielgemeinschaft MSG Rüsselsheim/Bauschheim mit erfolgreichen Kooperationen auskennt. Auch Artur Lemm, sportlicher Leiter des derzeit besten Rüsselsheimer Fußballklubs SV Dersim, findet die Idee gut, die besten Spieler zusammenzubringen. „Das muss aber auch finanziert werden“, sagte er. „Hier müssen sich die hiesigen Unternehmen bewegen.“ Außerdem solle die Presse nicht immer zu kritisch sein. Alle Bereiche in der Region müssten positive Stimmung erzeugen.

Neben dem Zusammengehörigkeitsgefühl wurde kontinuierliches Arbeiten als weiteres Detail eines möglichen Erfolgsrezepts ausgemacht. Dazu zählen auch qualifizierte Übungsleiter. „Die Vereine müssen intensiver dafür sorgen, dass ihre Trainer Verbandslehrgänge wahrnehmen“, sagte Eintracht Rüsselsheims Jugendleiter Wolfgang Kluge. Zudem sollten sich die erwachsenen Kicker wie auch die Eltern mehr für die Jugendarbeit engagieren. Gerade in Rüsselsheim hat das auch großen Integrationscharakter. „Und man muss alles tun, um Frauen- und Mädchenfußball zu fördern“, ergänzte Neubauer. Das erhöhe nebenbei die Mitgliederzahlen der Klubs.

Fazit: Ein konkretes Konzept für eine blühende Zukunft des Rüsselsheimer Fußballs wurde nicht gefunden, das war auch nicht zu erwarten. Es bleiben aber einige Ansätze. Fokus auf die Jugendarbeit; Kooperationen, wo sie sinnvoll sind; über den Vereinszaun blicken, um ein gemeinsames Identitätsgefühl zu fördern; Integration verstärken; kontinuierlich arbeiten und Mitglieder durch Mitarbeitsanreize auch nach der aktiven Laufbahn im Verein halten. Bisher ist das alles aber nur Theorie, die Ideen müssen jetzt noch umgesetzt werden.

Konkretes brachte aber auch schon das erste Treffen: „Ich habe angefangen, aus meinen eingefahrenen Mustern herauszudenken“, sagte SC Opel-Vorstand Andreas Machill. Bernd Reisig, Geschäftsführer des FSV Frankfurt, machte zwei Geschenke: Alle Rüsselsheimer Vereine dürfen zu einem Spiel des Zweitligaklubs FSV, werden im Stadion der Bornheimer vorgestellt und erleben gemeinsam höherklassigen Fußball. Außerdem kommen die Profis des FSV Frankfurt im Sommer nach Rüsselsheim, um gegen eine Stadtauswahl zu spielen. Der Erlös stockt die Kassen der beteiligten Vereine auf.

Reisig nahm zudem die Kommune in die Pflicht: „Ehrenamtliches Engagement müsse auch von der Politik mehr gefördert werden.“ Er meinte damit vor allem finanzielle Subventionen für die Klubs. Ein zukunftsfähiges Projekt kostet nämlich viel Geld. Hierfür hatte Carlo von Opel, Mäzen des SV Waldhof Mannheim, noch einen Tipp: „Ich kann nur empfehlen, einen Förderkreis aus mittelständischen Firmen zu gründen.“ Übrigens: Die Videopanne zu Beginn war bereits schon auf dem Originalband vorhanden, die restlichen Tore des 3:0-Erfolgs vom SC Opel im Jahr 1966 konnte man sehen. Auch das Omen meinte es also nicht schlecht mit dem möglichen Startschuss für eine erfolgreichere Zukunft des Rüsselsheimer Fußballs.

veröffentlicht in der FAZ (2. Februar 2010)

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