Wenn der Sport gefriert

11 01 2010

Ich durfte für die Rhein-Main-Zeitung gleich eine große Geschichte über Sommersportarten im Winter machen. Das hieß: viel telefonieren, früh aufstehen und mit Triathleten joggen.

Im Nachhinein hat alles gut geklappt. Die Sache hat Spaß gemacht, auch wenn es für einen Journalisten schrecklich war um 6.15 Uhr aufzustehen. Aber da haben die armen Mitarbeiter in den Ställen des Renn-Vereins Frankfurt schon 45 Minuten gearbeitet. Schade, dass ich Euch die Bilder nicht zeigen kann, denn der Fotograf hat gerade vom Reitsport ein schönes Bild gemacht.

Auf jeden Fall weiß ich jetzt, wie die Frankfurter Sportler den eisigen Temperaturen trotzen, das Rezept: Kraftraum, Kleidung oder Kanaren.

Laufen und Radfahren auf Schnee, Rudern auf dem Main in Begleitung von Eisschollen, Fußballspielen auf gefährlich seifigem Boden, Atem holen, wenn es weh tut – der Dauerfrost bremst auch Athleten. Stoppen kann er sie aber nicht.

FRANKFURT. Es ist noch dunkel. Der Schnee erhellt das Sichtfeld ein wenig, weist den Weg an der Rennbahn im Frankfurter Süden. Schnauben und Scharniergeräusche übertönen das Knirschen am Boden. Ein paar Schritte weiter, und man sieht, wie Pferde im Kreis laufen. Eine Führmaschine treibt die Tiere an. Sie sieht aus wie ein überdimensionierter Propeller, an dem Gitterstäbe herunterhängen. Durch diese fließt etwas Strom, erklärt Clemens Zeitz, Trainer beim Renn-Verein Frankfurt. In seiner Führmaschine laufen an diesem Mittwoch fünf Pferde, eines bleibt kurz stehen, will an Zeitz herumschnuppern, das geladene Gitter schubst es weiter.

Das Stadtleben erwacht gerade, in den Pferdeställen brennt schon seit 5.30 Uhr Licht. Die Tiere müssen gefüttert und geputzt werden, bevor sie sich in der Führmaschine bewegen. „Spaß macht die Arbeit im Winter sicherlich nicht, aber es gehört dazu“, sagt Zeitz. Um wieder richtig auf der Bahn trainieren zu können, müsse der Boden bis in eine Tiefe von 20 Zentimetern aufgetaut sein. „Bis das nach einer Frostperiode so weit ist, dauert ewig.“ Die Pause hat aber auch etwas Gutes: Die Pferde regenerieren. Nicht nur Reitsportler haben mit gefrorenen Böden, Schnee und eiskalten Temperaturen zu kämpfen. Für beinahe alle Sommersportarten ist der Winter ein Problem – und Dauerfrost wie derzeit ein besonders großes. Einige Vereine der Region können zum Training in wärmere Gebiete fliehen. Andere müssen bleiben und der Witterung trotzen. Auch wenn es schwerfällt.

Das Drittliga-Team der Offenbacher Kickers ist vergangene Woche auf den Kunstrasenplatz am Wiener Ring ausgewichen. Das Feld am Bieberer Berg war gefroren und daher unbespielbar. Auch auf dem Kunstrasen lag Schnee. „Die Spieler rutschen schnell weg, gerade bei seitlichen Bewegungen“, sagt OFC-Trainer Steffen Menze. Prompt riss Angreifer Mirnes Mesic auf dem seifigen Boden eine Muskelfaser. Am Freitag ist die Mannschaft zum Trainingslager in die Türkei geflogen, um unter guten Bedingungen auf natürlichem Rasen spielen zu können. „Wenn das Wetter hier nach dem Trainingslager immer noch so ist, dann müssen wir flexibel sein“, sagt Menze. Gut wäre das nicht. Im ersten Ligaspiel 2010 müssen die Kickers gleich zum Tabellenzweiten Osnabrück.

Ähnlich beeinträchtigt sind die Sportexoten vom Lacrosse, Football, Rugby oder Baseball. Die Footballer von Frankfurt Universe sind im Winter hauptsächlich im Kraftraum, trainieren aber auch auf der Laufbahn, wenn sie trocken ist. Für die Rugby-Spieler von Eintracht Frankfurt geht es diese Woche auch aufs Feld. „Bestimmte Übungen sind bei Frost nicht möglich, besonders die mit intensivem Bodenkontakt“, sagt Pressesprecher Michael Preußer. Die Trainingsbeteiligung sei im Winter sicherlich geringer, „aber wir haben auch schon auf gefrorenem Boden gespielt, da wird nicht unbedingt abgesagt“. Grundlagen der Schlagtechnik stehen derzeit für die Baseballer von Frankfurt 1860 auf dem Trainingsplan, dazu eignet sich die Halle. Im Februar und März geht es dann meist in den Ostpark, weil die jährliche Erneuerung des sogenannten „In-Fields“ auf dem eigenen Spielfeld erst nach den Frostperioden möglich ist.

Joggen ist hingegen das ganze Jahr über möglich. Elf Triathleten der SG Nied treffen sich am Sonntagmorgen am Höchster Mainufer. 20 Kilometer im lockeren Tempo sind geplant. Alle tragen Funktionskleidung, bewährt hat sich das Zwiebelprinzip. Funktionsunterwäsche, Fleece und darüber eine Wind und Regen abweisende Jacke schützen den Körper vor dem Auskühlen. Wichtig ist, dass die Kleidung den Schweiß durchlässt und nach außen transportiert. Je kälter, desto mehr Lagen sind sinnvoll. Am Sonntag ist es nicht sehr kalt, aber der Neuschnee erschwert das Laufen. Außerdem rutschen die Triathleten ab und an auf dem seifigen Untergrund weg. „Wir laufen eher dort, wo schon Reifenspuren sind“, sagt SGN-Abteilungsleiter Hubertus Kraus, „aber laufen kann man trotzdem immer.“ Schwimmen auch – in der Halle natürlich. Probleme haben Triathleten beim Radfahren. Mountainbiken ist zwar bei Minustemperaturen möglich, „aber das Rennrad kann man derzeit völlig vergessen, da wird eher die Rolle rausgeholt und im Wohnzimmer trainiert, während im Fernsehen Biathlon läuft“, sagt Kraus. Der Trainingsfokus liegt im Winter ganz klar auf Schwimmen und Laufen, „aber man sollte nicht zu schnell rennen, weil man durch intensives Einatmen der kalten Luft Probleme mit den Bronchien kriegen kann“, sagt Bernd Vahle, Triathlet bei den Ausdauerexperten von Spiridon Frankfurt.

Bei den Ruderern kann Unachtsamkeit im Winter auch zum Tod führen. Das Wasser ist zu kalt, die Kräfte lassen schnell nach. Wenn ein Boot kentert, „lautet die wichtigste Regel: am Boot bleiben“, sagt Sabine Wollrab von der Rudergesellschaft Germania. Auf dem Main schwimmen derzeit vereinzelt kleine Eisbrocken, bei einer Kollision sind kleine Risse in den Booten möglich. Wasserspritzer gefrieren zudem sofort am Material und beschleunigen den Verschleiß. Auch die anderen Frankfurter Rudervereine sind daher bei Minusgraden nicht auf dem Wasser, einige haben ein Fahrverbot in die Ruderordnung aufgenommen.

Genauso ist es noch verboten, auf dem Rebstockweiher Eishockey zu spielen oder Schlittschuh zu laufen. Das Sportamt Frankfurt öffnet das Gewässer bei einer Eisdicke von 15 Zentimetern, dann wird auch beaufsichtigt. Aber das dauert noch. Die Hockey- und Inline-Fans sind daher auf die Eissporthalle angewiesen. Vier- bis fünftausend Besucher gleiten an Wochenenden und in den Ferien täglich über das Eis, an Werktagen um die zweitausend. Aber Inlineskaten ist auch im Winter möglich, wenn die Straßen geräumt sind. „Da gefrieren aber schon einmal die Getränkeflaschen“, sagt Dirk May, Organisator des Tuesday Night Skating (TNS). Auf dessen Internetseite zählt ein Tages-Stunden-Minuten-Countdown bis zur nächsten TNS-Ausgabe am 30. März. Im Winter halten sich die Skater mit Skifahren, Snowboarden, Eislaufen und Schwimmen fit. Oder sie fliehen nach Mallorca, wie im Oktober 2009 und im kommenden März.

Die Reiter des Renn-Vereins Frankfurt kommen mit ihren Pferden dort nur schwer hin. Inzwischen ist es hell geworden, und Trainer Toni Potters trabt mit seinem Läufer „Loving Desert“ einsam auf der Sandbahn. Mit angespanntem Körper und starrem Blick reitet er das Pferd vorsichtig über den schneebedeckten Untergrund. Für den Laien sieht es beinahe verkrampft aus. „Das Reiten muss im Winter noch kontrollierter sein“, sagt Potters, „es geht nur, weil die Sandbahn hier so gut präpariert ist.“ Dort könne nicht jedes Pferd gut reiten. Trainerkollege Clemens Zeitz schickt seine gar nicht erst auf die Bahn, ihm ist es zu gefährlich. Sie sind drei Stunden in der Führmaschine, haben sich einen Pfad freigetrampelt. Vereinzelt traben sie zu weit am Rand, rutschen auf den gefrorenen Erdbrocken weg. Und das, obwohl Zeitz einen Kunststoff in den Boden gemischt hat, damit er weniger gefriert. Improvisieren bei Frost, Eis und Schnee – eine Disziplin, die bei jedem Sport dazu dazugehört in Tagen wie diesen.

veröffentlicht in der FAZ (11. Januar 2010)

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