Ein Leben lang Eintracht_Für Helmut Sonneberg ist der Frankfurter Fußballklub seit 65 Jahren eine Herzensangelegenheit

8 01 2010

Ich bin seit ein paar Tagen für drei Monate in der Sportredaktion der FAZ in Frankfurt. Daher werden hier neben nationalen Themen in den folgenden Wochen auch Texte mit regionalem Frankfurt-Bezug zu lesen sein.

Am Mittwoch konnte ich einen wirklich beeindruckenden Fan von Eintracht Frankfurt kennen lernen. Ich habe ihn zu Hause besucht und seinem Vortrag im Museum von Eintracht Frankfurt gelauscht. Und obwohl sich einiges doppelte, bin ich bei beiden Treffen unterhalten worden.

Ein weitere schöne Anekdote von Helmut Sonneberg hat leider nicht mehr in die Zeitung gepasst, aber ich will sie hier schnell schildern: In den Sechzigern reiste Sonneberg mit seiner Schwester und weiteren Kollegen zum Auswärtsspiel nach Stuttgart. An der Heimsheimer Steige auf der A8 blieb der Käfer liegen, es waren noch zwei Stunden bis Anpfiff. Ein Polizeiwagen hielt, Sonneberg fragte, ob sie seinen Käfer abschleppen könnten. Daraufhin der Polizist: „Wenn ihre Freundin (er zeigte auf Sonnebergs Schwester) schwanger wäre, könnten wir sie abschleppen, so aber nicht.“ Sonneberg: „Aber sie ist doch schwanger.“ Polizist: „Man sieht aber nichts.“ Sonneberg: „Wir fangen heute Abend damit an.“ Schließlich wurden sie abgeschleppt und waren noch rechtzeitig im Neckarstadion.

Das liest sich jetzt vielleicht gar nicht so nett, aber wer Helmut Sonneberg dabei feixen sieht, findet’s gut. Auf alle Fälle ist der folgende Artikel aus den Treffen entstanden.

Die Wohnung ist übersät mit Gegenständen. An den Wänden hängen Gemälde, auf dem Esszimmerschrank stehen Fotos, die Kommoden zieren Figuren. Auf den ersten Blick fehlen die Fanartikel von Eintracht Frankfurt. Mit der Zeit fallen einem aber der Fußabtreter im Flur und das Mousepad mit dem Adler auf. Helmut Sonneberg, 78 Jahre alt, kramt auch noch einen Eintracht-Schal und eine Mütze hervor. Alle Devotionalien sind Geschenke. Er hält von den meisten nicht allzu viel. Wer es nach außen trägt, hat es nicht im Herzen“, sagt er.

Am Abend wird er im Eintracht Frankfurt Museum seine Fanerlebnisse erzählen. Er wird die achtzig Zuhörer mit der lebendigen Art und den flotten Sprüchen neunzig Minuten unterhalten. Die meisten kennen Sonneberg, weil er auf dem Museums-Flyer abgebildet ist. Er war es auch, der das Eintracht-Idol Alfred Pfaff nach dem Sieg der Süddeutschen Meisterschaft 1959 auf Schultern vom Platz trug. Sonneberg wurde 1931 in Frankfurt geboren, die Mutter war Jüdin. Er kam während der Diktatur der Nationalsozialisten in ein Waisenhaus, wurde 1945 mit der Mutter nach Theresienstadt deportiert. Nach einem halben Jahr kam er zurück abgemagert auf 27 Kilogramm. Ich kann über die Zeit nicht reden“, sagt er mit gesenkter Stimme und stochert im Zucker auf dem Kaffeetisch herum, weil ich heute noch Angst habe.“ Die Stimme ist sofort wieder energisch, als er vom Kriegsende und der Eintracht spricht. Er gestikuliert meist mit der rechten Hand, lehnt sich nach vorne, wenn er etwas betonen möchte. Gerne springt er von einem zum nächsten Thema und dann wieder zurück. Zwischendrin baut er ein paar Witze ein.

Sonneberg ist seit 1945 Eintracht-Anhänger, spielte aktiv von den B-Junioren bis zu den Amateuren. Die Eintracht war wie eine Familie, niemand hat nach deiner Herkunft gefragt.“ Er lernte Kfz-Mechaniker, wechselte aber häufig den Job. Bei der Feuerwache am Frankfurter Flughafen blieb er neun Jahre. Danach war er Taxiunternehmer und Kneipenbesitzer. Sonneberg landete schließlich als Bücherbusfahrer im städtischen Dienst und blieb dort 17 Jahre. Bis 2005 besaß er eine Eintracht-Dauerkarte, heute verfolgt er die Spiele im Fernsehen. Sonneberg informiert sich seit vier Jahren zudem täglich im Internet, mag vor allem die Fan-Foren. Er chattet auch selbst und verschickt elektronische Grußkarten. Als er über die aktuelle Situation der Eintracht spricht, hebt er den Zeigefinger, seine Worte überschlagen sich: Mit fünf Punkten weniger würde hier die Suppe kochen.“ Er fordert Investitionen ohne sich zu verschulden und findet, dass der Verein zu viele Vertragsspieler hat. Sonneberg erinnert sich an Details von früher und kennt auch die heutigen.

Seine Lieblingsgeschichte aus 65 Jahren Eintracht Frankfurt erzählt er zu Hause und im Museum abends mit vollem Körpereinsatz. Er mimt einen Zeitungsjungen aus der Saison 1957/58 nach und zitiert dessen Verkaufsspruch: Frankfurt gewinnt 7:0 gegen Regensburg, Adenauer schwer erkrankt, der Hund lebt noch.“ Gemeint ist die Hündin Laika, das erste irdische Lebewesen im Weltall. Die Zuhörer lachen, Sonneberg freut sich.

Er sagt zwar, er stehe nicht gern im Mittelpunkt. Es ist aber deutlich, dass er den Auftritt genießt genauso wie das Signieren der Autogrammkarten, die der Achtundsiebzigjährige vom Museum als Dankeschön bekam. Das gefällt auch der Lebensgefährtin Emmi Schafferhans. Sie mag seine Ehrlichkeit und dass er unterhaltsam ist. Beide sind seit 29 Jahren zusammen. Zuvor war Sonneberg zweimal verheiratet, er hat eine Tochter.

Helmut Sonneberg will 105 Jahre werden, dann hat er die eingezahlte Rente wieder raus. Er weiß auch schon, wie er beerdigt werden möchte: Anonym verstreut, am besten am Mittelkreis im Stadion.“ Auf dem Heimweg bezeichnet ihn ein Besucher in der Straßenbahn als Legende“. Auch er hat ein Autogramm mit Sonny“ darauf.

veröffentlicht in der FAZ (8. Januar 2010, auch ONLINE)

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