Mit den Ohren sehen_Wie blinde Stadionbesucher den FC Bayern München erleben

6 12 2009

Die Zuschauer raunen schon, nur Sebastian Schäfer muss noch warten. Als er über seinen Funkkopfhörer erfährt, dass Mario Gomez soeben knapp am Tor von Maccabi Haifa vorbeigeschossen hat, raunt auch er. Schäfer ist seit Geburt sehbehindert. In 25 Jahren hat die Sehschwäche zugenommen, mittlerweile erkennt er nur noch hell und dunkel. Eine Brille trägt er zum Schutz der Augen.

Die momentane Situation des FC Bayern München passt dem Blindenfußball-Nationalspieler mit dem Oliver-Kahn-Trikot überhaupt nicht: „Selbst ein Blinder sieht, dass man momentan keine Struktur erkennen kann.“ Schäfers Auge ist sein Ohr. „Anhand der Südkurve kann ich gut ablesen, wie das Spiel läuft.“ Daher ist es wichtig, dass er in der Nähe der stärksten Bayern-Fans sitzt. Das reicht aber nicht aus. Schäfer braucht einen Spielkommentar – „außer bei Toren, da ist das Stadion schneller.“

Heute hört er die Stimmen von Holger Quest und Tobi Wahnschaffe. Die beiden Sportstudenten wechseln sich alle 15 Minuten mit der Livereportage ab. Den Kommentar-Service können Sehbehinderte in der Arena seit 2005 nutzen. Die Münchner Klubs waren aber nicht die ersten. Bayer Leverkusen hat vor zehn Jahren im Heimspiel gegen den SSV Ulm die Livereportage für Blinde gestartet. Mittlerweile bieten 60 Prozent der Vereine in der Ersten und Zweiten Bundesliga Blinden eine Kommentarfunktion an. In der Dritten Liga sind es nur wenige. Andere Sportarten wie Basketball oder Handball bieten die Livereportage für Blinde in der Breite noch nicht an. In der DFL-Broschüre „Barrierefreiheit im Stadion“ werden 20 Plätze für Sehbehinderte in einem Stadion wie der Münchner Arena empfohlen. Bayern und 1860 München verkaufen je zehn Karten.

Quest und Wahnschaffe haben heute acht Zuhörer, die etwa 30 Meter entfernt von ihnen sitzen. Bei jeder Übergabe fassen sie den Spielverlauf kurz zusammen. Oft fallen neben der Zeitangabe Beschreibungen wie „zehn Meter in der Bayern-Hälfte“ oder „rechts, kurz vor dem Strafraum“. „Wir müssen die genaue Position beschreiben, Bilder schaffen und Merkmale herausstellen“, sagt Quest.

Wenn man die Augen schließt und dem Livekommentar zuhört, ist die Spannung automatisch höher – auch wenn es schwer fällt, die Position des Balles zu verorten. Die Fans schaffen durch ihre Rufe und Reaktionen ein Bild, dass die Reporter auflösen müssen. Der kurze Moment beispielsweise zwischen dem Lattenschuss von Bastian Schweinsteiger und der Erklärung über den Kopfhörer ist nervenaufreibend. Die Zuschauer reagieren, man weiß aber nicht warum. Für Quest und seinen Kollegen heißt das: Sie müssen schnell sein.

Der Hamburger Verein „Sehhunde“ unterstützt die Klubs bei der Umsetzung der Blindenreportage. „Manchmal fehlt die Unterstützng für die ehrenamtlichen Reporter, keiner ist verantwortlich“, sagt deren Vorsitzende Regina Hillmann. Die „Sehhunde“ veranstalten jährlich einen Lehrgang für die Blindenreporter, den die Deusche Fußball-Liga finanziert. „Sie sind die Dolmetscher und müssen das Spiel möglichst ballorientiert beschreiben“, sagt Hillmann. Daneben hilft den Reportern die Rückmeldung der Blinden. Sebastian Schäfer will zum Beispiel auch wissen, wer sich gerade aufwärmt, welche Plakate hochgehalten werden und wie die Zwischenstände in den anderen Stadien sind. Das ist gerade heute wichtig. Als Girondins Bordeaux das 1:0 und das 2:0 gegen Juventus Turin erzielt, jubeln die Fans. „Man kriegt die Akustik zwar mit, weiß aber nicht woher es kommt“, sagt Schäfer. Hier sind die Blindenreporter gefragt.

Weil sich die Bayern nun aus eigener Kraft für das Champions-League-Achtelfinale qualifizieren können, kommentiert Quest: „Trainer van Gaal hat seinen Kopf etwas aus der Schlinge gezogen.“ Das habe er aber Bordeaux zu verdanken. Die Leistung des FC Bayern München hat Blindenreporter Quest auch diesmal nicht überzeugt. Sein Zuhörer Schäfer hat noch einen Tipp für den Rekordmeister: „Blindes Verständnis täte denen da unten auch mal gut.“

veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung (27. November 2009)

ausgezeichnet mit dem Helmut-Stegmann-Nachwuchs-Förderpreis

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2 responses

28 11 2009
sportinsider

Sehr deailiert beschriebener Artikel. Mein Kompliment.

Ich wünsche noch einen schönen Abend

herzlichst
sportinsider

28 11 2009
fabischmidt

danke fürs lesen. gruß, fabian

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