„Wenn ein Land die WM verdient hat, dann ein afrikanisches“_Interview mit Willi Lemke

11 11 2009

Folgendes Interview habe ich mit Willi Lemke im Rahmen eines Journalistenseminars in Feldafing am Starnberger See zum Thema „Bildkorrekturen – Sport, Entwicklung und Medien“ von Inwent geführt. Während des zweitägigen Treffens hat Lemke dort auch einen Vortrag gehalten – neben Sportlern, Funktionären, Botschaftern und Journalisten. Das Überthema wurde anhand der Olympischen Spiele in Peking und der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika diskutiert.

Willi Lemke, Sportsonderberater des UN-Generalsekretärs, über seine Arbeit für die Vereinten Nationen, die Chancen und Gefahren des Sports sowie die Bedeutung der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika.

Herr Lemke, Sie sind seit April 2008 als Sonderberater des Generalsekretärs für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden bei den Vereinten Nationen tätig. Wie haben Sie das erste Jahr im Amt erlebt? Es ist eine sehr anstrengende und dennoch faszinierende sowie dankbare Arbeit, die es mir ermöglicht, interessante Projekte zu besichtigen und wichtige Entscheidungsträger zu treffen. Ich bin weltweit unterwegs und setze mich für den Sport als Entwicklungsinstrument ein, um die UN-Millenniumsziele zu erreichen. Dabei versuche ich, die einzelnen Akteure zu koordinieren und zu unterstützen.

Es heißt immer, der Sport solle nicht politisch sein. Ist das überhaupt möglich? Nein, Sport ist niemals unpolitisch. Die eigentliche sportliche Handlung ist es. Aber die Gesellschaft, in der der Sport stattfindet, macht ihn automatisch politisch. Die WM in Südafrika soll innen- wie außenpolitisch ein Riesenerfolg werden. Und wenn ein Land die WM verdient hat, dann ein afrikanisches. Ist das Turnier neben dem leidenschaftlichen Fußball und den feiernden Fans auch gut organisiert, dann wird der Erfolg für Südafrika und somit für den ganzen Kontinent noch größer sein. Denn die Medienpräsenz wird so groß sein, wie noch nie. Weitaus mehr als in Peking.

Wo sehen Sie die Grenzen des Sports als Entwicklungsinstrument und wo lauern die Gefahren? Das Thema Doping ist im Augenblick etwas sehr Belastendes. Das haben wir noch nicht voll im Griff. Es gibt viel zu viele Schwachstellen und die Gegenseite versucht immer wieder neue Rezepte zu finden, um zu betrügen. Auch Gewalt im Sport gibt es leider viel zu häufig, genauso Rassismus. Wir haben zudem illegale Wettpraktiken, die die Spiele und Ergebnisse manipulieren sollen. Das sind die dunklen Seiten des Sports, die ich gar nicht ausblenden will. Aber die positiven Seiten, die für das Individuum und für die Gesellschaft bis hin zur Entwicklung der Nationen in Richtung Entwicklung und Frieden wichtig sind, überwiegen deutlich.

Welche Rolle spielen die Medien bei der sportlichen Entwicklungspolitik? Ich würde nicht fordern: Schreiben Sie nur über die positiven Programme. Es gibt in der Tat viele Dinge, die auch ich in Frage stelle. Daher ist es wichtig, kritisch zu sein. Aber ich denke gerade an eine Judohalle im Rebellengebiet an der Elfenbeinküste, die 120 Kinder und junge Erwachsene in einem fantastischen Projekt aufgebaut haben. Dort wird Nachwuchsarbeit von den ganz Kleinen bis zu den Großen gemacht. Der Gender-Aspekt ist genauso dabei wie die Erziehungsfunktion, also zum Beispiel der Grundgedanke, den Gegner zu respektieren – egal welche Religion, welche Hautfarbe er hat. Wir benötigen Journalisten, um das zu transportieren. Daher haben sie eine ganz wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe. Man sollte nicht nur die negativen Aspekte hervorheben. Medien haben eine Verantwortung und dieser müssen sie sich bewusst sein. Daher muss eine Berichterstattung auch immer ausgewogen sein – auch wenn die Quote das Leben der Journalisten belastet.

Sie haben in einem Vortrag für Nachwuchsjournalisten gesagt, durch Sport ließen sich mittel- oder langfristig Kriege verhindern. Das ist ein sehr hohes Ziel. Wie meinen Sie das? Ich bin mir darüber im Klaren, dass der Sport Kriege nicht verhindern kann. Das haben wir nach der Eröffnungsfeier in Peking gesehen, als in Georgien auf einmal Panzer rollten. Und das obwohl wir wenige Monate zuvor bei den Vereinten Nationen einstimmig den olympischen Frieden beschlossen hatten. Das war ein furchtbarer Schlag. Aber das Beste der Spiele war für mich, als die russische Medaillengewinnerin von der georgischen bei der Siegerehrung des Luftpistolenwettbewerbs umarmt worden ist. Das war ein unglaublich wichtiges Symbol und hat der Politik deutlich die Rote Karte gezeigt und gesagt: Wir sind die Menschen und wir kriegen das ohne Waffen hin. Das war ein Signal des Friedens an die Welt.

Sie haben auch betont, dass durch die WM in Südafrika ein ehemals gespaltenes Land zusammengeführt werden könne. Ja, absolut. Ich sehe das als eine ganz große Chance und Herausforderung. Warum: Weil wir der Auffassung sind, dass die Menschen mit Stolz darauf schauen werden, wenn sie eine positive WM zustande gebracht haben – nicht in sportlicher Hinsicht, sondern als Gastgeber. Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen werden zusammenrücken. Fußball kann das schaffen, was andere Bereiche nicht können. In Südafrika können sie dann sagen: Guckt mal, auf diesem Kontinent kriegen wir was hin, alle sind sicher, wir sind logistisch gut drauf, wir können etwas von A bis Z perfekt organisieren. Das ist innen- wie außenpolitisch ein Signal und schafft Vertrauen. Investoren werden kommen – das ist dringend erforderlich, damit Arbeitsplätze geschaffen, Armut und Elend bekämpft werden können und sich das Land friedlich weiterentwickeln kann.

Das klingt nach einem wichtigen Projekt für die Vereinten Nationen. Die WM ist eine ganz große Aufgabe. Der UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hat mir gesagt: Südafrika muss ein Erfolg werden – nicht nur für das Land, sondern für den gesamten Kontinent. Das hat Priorität. Das Turnier ist Risiko und Chance zugleich. Es gibt natürlich Herausforderungen, aber auch unendlich viel Potential. Es war eine mutige Entscheidung der Fifa und wir werden sie unterstützen.

Man denkt bei Entwicklungshilfe daran, die Wasserqualität zu verbessern oder Krankheiten zu bekämpfen. Was nützt es denn, in einer Schule den Sportunterricht einzuführen? Es ist für einen Bürgermeister irgendwo in Afrika wichtiger, eine Wasserleitung zu haben als einen Basketballkorb. Das ist völlig klar. Natürlich müssen die Grundbedingungen erst einmal gegeben sein. Wenn du die aber hast, darfst du auf den Sport nicht verzichten. Der Sport gehört dazu, die Kinder haben ein Recht auf Sport, ein Recht zu spielen und sich zu bewegen. Denn das hat eine Vielzahl von Funktionen, beispielsweise im pädagogischen Bereich. Wenn man einem Kind klar macht, dass es jeden Tag üben muss, um die Bananenflanke eines Tages zu beherrschen, wird es leichter kapieren, dass auch beim Vokabeln-Lernen das Üben wichtig ist. Genauso ist es bei Mathematik und Biologie.

Aber ist es überhaupt möglich, den Sport bei all den Problemen in den hilfsbedürftigen Ländern als entwicklungspolitisches Instrument einzusetzen? Natürlich ist mir klar, dass sie im Slum von Nairobi keine Mutter-Kind-Krippe finden, sondern verzweifelte Frauen, die versuchen, das Leitungswasser zu erhitzen, damit sie es trinken können. Das ist ein viel wichtigeres Problem als die sportliche Bewegungsstunde. Aber trotzdem hat das Kind ein Recht darauf, und daher sollten wir von den Vereinten Nationen versuchen, ganz gezielt Projekte im Sport anzubieten, die auch fortgesetzt werden, wenn die Entwicklungshilfe ausläuft. Das ist nämlich der entscheidende Punkt. Es dürfen keine Disteln auf der Sportanlage wachsen, weil sich keiner verantwortlich fühlt, wenn das Projekt abgeschlossen ist. Ich möchte eine Entwicklungspolitik, die die Menschen vor Ort mitnimmt. Sie müssen von sich aus sagen, wir wollen nicht mehr ohne Sport klar kommen und kümmern uns darum. Dann ist es optimal gelaufen…

…was in welchen Projekten der Fall ist? Ich kann da einige nennen. Das erwähnte Judo-Projekt finde ich sehr beeindruckend, weil es ausschließlich von Menschen aus der Elfenbeinküste selbst umgesetzt wird. Ich habe zudem ein Projekt in Durban gesehen, dass sehr meiner Auffassung entsprach – unterstützt von der Kommunalverwaltung. In einem Township mit tausenden von Teilnehmern, in sieben Sportarten, verschiedenen Locations und mit eigenen Übungsleitern. Das Tolle war, dass sich so viele zusammengeschlossen haben, um Sport zu treiben und Veranstaltungen zu organisieren. Die Menschen im Township wurden involviert und das ist besser und nachhaltiger, als es ohne dieses Potential, nur von oben herab, zu organisieren.

Es werden aber hauptsächlich westliche Sportarten verbreitet. Spielen bei Ihnen auch lokale Sportarten eine Rolle? Eine Kontinentalmeisterschaft im Bambuswerfen wird man sich nicht anschauen und man wird keine Sponsoren finden. Das ist das Problem. Aber ich möchte betonen, dass traditionelle Veranstaltungen unbedingt gefördert werden sollten, unter anderem auch von der Unesco. Wenn ich da etwas bewegen kann, würde ich mich immer für eine besondere Förderung durch die Vereinten Nationen oder deren Unterorganisationen einsetzen.

Welche Funktionen soll der Sport in Zukunft übernehmen und was haben Sie persönlich vor? Ich bin froh, dass mir Ban Ki-moon erneut Vertrauen geschenkt hat und ich für ein weiteres Jahr diesen tollen Job fortführen darf. Ich möchte mich für die Kinder in Gaza einsetzen und bin gerade dabei, mit meinem Büro in Genf nach Möglichkeiten zu suchen, wie ich die UN-Hilfsorganisation für palästinensische Flüchtlinge im Nahem Osten bei den Sommersportspielen in Gaza unterstützen kann. Außerdem möchte ich Schulen aus Entwicklungsländern mit Schulen aus Industrieländern zusammenbringen. Von Kind zu Kind, von Schule zu Schule, von Land zu Land. Es kostet keinen einzigen Pfennig, kein Steuergeld, keinen UN-Dollar. Du musst nur die Herzen der Kinder erreichen. Erst vor wenigen Monaten habe ich eine Partnerschaft zwischen einer südafrikanischen und einer Bremer Grundschule organisiert. Die Kinder haben gejubelt. Die Auseinandersetzung mit dem Lebensumfeld Anderer halte ich für unglaublich wichtig, damit man seine eigene Lebenssituation einzuschätzen lernt. Ich glaube, dass Sport ein Mittel zur positiven Veränderung der Welt sein kann…

…und auch zur Veränderung Ihres Gemütszustandes, wenn Werder gewinnt. Wie oft sind Sie denn noch im Weserstadion? Fast immer. Ich richte meinen Terminplan nach den Werder-Spielen. Ich schaue, dass ich mit dem Flugzeug immer so lande, dass ich um 15.30 Uhr ins Stadion kann. Wenn ich dann allerdings am Sonntag schon wieder weg muss, meckert meine Frau.

veröffentlicht im Magazin des Journalistenseminars
„Bildkorrekturen – Sport, Entwicklung und Medien“ von Inwent in Feldafing vom 27.-29. November 2008

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: