Im Finale wird Schwäbisch gschwätzt_Die Tübinger Knut Kircher und VolkerWezel sorgen beim DFB-Pokal-Endspiel in Berlin für Ordnung auf dem Feld

28 10 2009

Ist zwar schon ne Weile her, aber ich wollte mal wieder einen alten Artikel auspacken. Der kam am letztjährigen DFB-Pokalfinal-Tag und ist mit den Infos rund um die Schiedsrichter – was machen die eigentlich an so einem Tag – und den Anekdoten ein Stück weit immer noch aktuell. Außerdem passts, weil heute auch noch DFB-Pokal ist.

Das Finale steigt heute Abend (20 Uhr/ live im ZDF) im Olympiastadion derHauptstadt. Auch wenn der FC Bayern München auf Borussia Dortmund trifft, wird laut dem Tübinger Schiedsrichter Knut Kircher „Schwabenpower“ mit dabei sein.

Vier Schwaben in Berlin: Knut Kircher und Volker Wezel aus Tübingen sowie Jan-Hendrik Salver und Markus Schmidt aus Stuttgart bilden heute beim DFB-Pokalfinale in der Hauptstadt das Schiedsrichtergespann. Kircher ist der Hauptschiedsrichter und Wezel assistiert ihm an der Linie. „Wenn es darauf ankommt, können wir schon Hochdeutsch“, witzelt Kircher, „aber auch mit dem Schwäbischen kommt man auf dem Fußballplatz sehr weit.“

Vor dem Finaltag: Kircher hat in einem Telefonat mit Volker Roth, dem Vorsitzenden des DFBSchiedsrichter-Ausschusses, von der Nominierung erfahren. „Am liebsten hätte ich beim Arbeiten einfach abgestempelt und wäre direkt in die Kneipe“, erinnert sich der 39-jährige Referee des TSV Hirschau. Wezel erklärt, dass er per SMS von Kircher von der „besonderen Auszeichnung“ erfahren hat. Wezel winkt und pfeift für den SV 03 Tübingen und ist bereits zum dritten Mal bei einem DFB-Pokalfinale dabei. „Es ist trotzdem immer ein Highlight – ein großes Fußballfest. Und drum herum ist es nicht so aggressiv wie bei einem Bundesligaspiel“, sagt Wezel.

Für den Hauptschiedsrichter ist eine Finalteilnahme im Normalfall eine einmalige Sache. Nur Herbert Fandel durfte schon zweimal ran. Kircher leitete aber zuvor noch nie das Endspiel in Berlin. „Als Vierter Offizieller war ich jedoch 2002 schon einmal dabei. Da musste ich dann auch prompt beide Trainer – Klaus Toppmöller und Huub Stevens – auf die Tribüne verbannen“, erinnert sich Kircher. Das Finale sei einfach „Kult“. Schon allein der Endspielcharakter erhöhe die Anspannung. „Das sprengt den Rahmen eines jeden Bundesligaspiels. Berlin ist mit Fans übersät und die Atmosphäre ist besonders“, konstatiert Kircher. Auch bei der Hymne werde er mitsingen.

Bereits gestern ist das schwäbische Gespann in Berlin angekommen. Der DFB hat am Abend zu einem offiziellen Bankett geladen. Neben dem Präsidium waren auch Verantwortliche beider Finalisten-Vereine anwesend. Außerdem wurde das Schiedsrichter-Lebenswerk von Dr. Markus Merk gewürdigt. Volker Wezel hat 1983 als Schiedsrichter angefangen und sich später international als Assistent an der Linie durchgesetzt und wird auch bei der Europameisterschaft 2008 dabei sein. Knut Kircher hat drei Jahre später als Assistent von Wezel seine Laufbahn begonnen. Beide sind anschließend zusammen immer weiter aufgestiegen. „So eine Teamarbeit schweißt zusammen“, sagt Kircher, „Volker hat mich sehr gut unterstützt. Daher freue ich mich besonders, dass ich im Finale einen an der Linie habe, auf den ich mich blind verlassen kann, damit alles klappt.“

Heute morgen: Damit auch beim Ablauf des Endspiels alles klappt, haben Kircher und seine Kollegen um zehn Uhr eine Besprechung mit dem DFB. Dabei erfährt das Schiedsrichtergespann Modalitäten wie Treffpunkt am Stadion, Zeitpunkt des Einlaufens oder die Farbe der Trikots. Zusammen mit den Schiedsrichterinnen des Pokalendspiels der Frauen folgt anschließend ein Erholungsprogramm, das der DFB vorbereitet hat. „Wir machen wohl eine Spreefahrt und anschließend eine Besichtigungstour“, erklärt Wezel, „das ist immer recht schön.“

Heute Nachmittag: Nach der Erkundung der Hauptstadt ziehen sich Wezel und Kircher in ihre Hotelzimmer zurück. Während Wezel wohl den Fernseher einschalten wird, „um ein bisschen zu dösen und hoffentlich fit aufzuwachen“, testet Kircher die gesamte Ausrüstung. „Haben wir alles dabei? Funktionieren die elektrischen Signale der Winkfähnchen?“, wird sich der Hirschauer Schiedsrichter dann fragen. Aber auch fußballerische Gedanken schweifen in den Köpfen der Referees umher. „Das wird ein ganz anderes Spiel als am vergangenen Sonntag. Dortmund lässt sich nicht noch einmal so überrennen“, denkt Wezel. Der BVB hat vor sechs Tagen in der Bundesliga deutlich mit 0:5 bei Bayern München verloren. Nach der Mittagsruhe geht es vom Hotel aus um 18 Uhr ins Olympiastadion.

Heute Abend: „Ich freue mich am meisten auf das Einlaufen – denn dann geht es endlich los“, sagt Kircher. Zuvor müssen seine Assistenten aber noch die Ausrüstung der Spieler überprüfen. „Da kommt dann schon mal einer mit einem Hut auf dem Kopf daher und albert rum“, sagt Kircher. Der FIFA-Schiedsrichter wird manchmal für seine Sparsamkeit mit Gelben und Roten Karten kritisiert. Er setzt vor allem auf den Dialog mit den Spielern. „Ich will nicht ständig in den Vordergrund treten und sanktionieren. Es soll ein Spielfluss entstehen, das ist ja der Sinn und Zweck“, erklärt der 1,96 Meter große Kircher. Manchmal habe er auch Mitleid mit den Spielern, wenn er beispielsweise eine Gelbe Karte zeigen muss, weil der Spieler nach einem Treffer sein Trikot auszieht. „Giovane Elber hat das Trikot einmal einem Rollstuhlfahrer geschenkt. In so einer Situation kommst du dir echt blöd vor, wenn du den Spieler verwarnst“, sagt Kircher, „aber ich muss der Regel folgen. Das ist mein Job.“

Dann erzählt Kircher noch eine weitere Anekdote von einem Bundesligaspiel in Kaiserslautern, als Mario Basler nach der Partie in die Schiedsrichter-Kabine – dem einzigen Ort ohne Rauchverbot im ganzen Stadion – kam. „Er wollte sich nicht bedanken, sondern nur rauchen“, berichtet Kircher, der Basler dann aufforderte: „Aber nur gegen eine Runde Bier!“ Basler kam nach kurzer Zeit mit fünf Flaschen zurück, „dann haben wir uns eingeschlossen, er hat geraucht und mit uns getrunken“, sagt Kircher weiter – noch heute mit einem Grinsen. Beim nächsten Spiel sei dann jedoch wieder alles neutral gewesen. „Aber ein bisschen Spaß muss sein. Und ich bin ja nur auf dem Feld Schiedsrichter, davor und danach aber auch Mensch“, ergänzt der in Hailfingen wohnende Referee. Vielleicht erleben er und Volker Wezel beim heutigen Finale wieder eine nette Geschichte. Knut Kircher freut sich aber auch so schon: „Es ist einfach toll, dass durch uns Schiedsrichter auch Schwabenpower in Berlin ist. Und am besten wäre es, wenn im Elfmeterschießen der Glücklichere gewinnt. Dann hätten wir alles ausgekostet.“

Fünf Spiele, die in Erinnerung geblieben sind: EM-Schiedsrichterassistent Volker Wezel

  • Finale DFB-Pokal 1995:BorussiaMönchengladbach –VfLWolfsburg3:0
  • FinaleDFB-Pokal 2006: Eintracht Frankfurt – FCBayernMünchen0:1
  • FinaleUEFA-Cup2006: FCMiddlesbrough– FC Sevilla 0:4
  • EM-Qualifikationsspiel 2006: Frankreich– Italien3:1
  • FinaleChampions-League 2007:ACMailand– FCLiverpool 2:1

Fünf Spiele, die in Erinnerung geblieben sind: FIFA-Schiedsrichter Knut Kircher

  • Bezirksl. Böbl./Calw 1990: TSV Waldenbuch – TSV Hildrizhausen 1:2
  • Vorrunde Champions League 2002: FC Barcelona – FC Brügge 3:2
  • Finale DFB-Pokal 2002: FC Schalke 04 – Bayer Leverkusen 4:2
  • Bundesliga 2006: FC Bayern München – Borussia Dortmund 2:0
  • Halbfinale DFB-Pokal 2006: FC St. Pauli – FC Bayern München 0:3

veröffentlicht im Schwäbischen Tagblatt (19. April 2008)

 

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: