Wowereit gewinnt TV-Duell_Ein gemeinsamer Feind verbündet Kanzlerkandidaten

13 09 2009

Die Analyse des TV-Duells zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier soll sich hier eher auf die Veranstalter beziehen. Berlins Oberbürgermeister Klaus Wowereit sagte in der Einschätzung des Kontrahentengesprächs den entscheidenden Satz bei Anne Will. „Das Format war schuld.“ Da hat er Recht. Bei einem 4 vs. 2 (Journalisten gegen Politiker) entsteht automatisch ein Kampf zwischen Medien und Politikern statt unter den Politikern selbst. Wenn die Journalisten jetzt auch noch besonders stichelnd sind, rückt die Minderheit automatisch näher zusammen. Daher war ein Schlagabtausch zwischen Merkel und Steinmeier noch unmöglicher als er es ohnehin gewesen ist. Nur ein einzelner Moderator hätte den Disput eher auf die Kandidaten gelenkt als auf den Kampf Presse gegen Politik.

Es ist sicherlich erfreulich, dass gleich vier große Sender den politischen TV-Schlagabtausch übertragen haben – bei Pro7 konnte man sich zwischendurch von Homer Simpson über Donutgeschmacksrichtungen und einen anderen Umgang mit Kernenergie aufklären lassen – aber dass auch die Öffentlich-rechtlichen in der Vorberichterstattung einen Countdown laufen lassen, ist dann doch etwas übertrieben. Im Wort Wahlkampf steckt sicherlich ein Stück Aggressivität, aber was sollen Merkel und Steinmeier denn machen, wenn sie vier Jahre zusammen regiert haben. Unterschiede sind im Duell klar geworden und man hat erwarten können, dass eher sachlich diskutiert als euphorisch gestritten wird. Da erweckt man beim Zuschauer mit einer Countdown-Zählung auch eine falsche Erwartungshaltung. Merkel und Steinmeier wissen ja, dass sie nicht unsympathisch, authentisch, aber vor allem auch die breite Masse überzeugend daher kommen müssen. Deswegen müssen sie doch Phrasen dreschen, sonst verstehen es ja die wenigsten. Dass das ein Politikexperte langweilig findet, ist logisch, aber das würde jeder andere genauso machen wie die Politiker. Wer den Wähler überfordert, verliert ihn.

Es stehen da also vier hervorragende Journalisten, die ihrerseits wieder mit den anderen drei hinsichtlich Fachkompetenz, kritischer Fragestellungsfähigkeit, usw. konkurrieren und im Team wie eine Abwehrkette aus Steffen Freund, Ingo Hertzsch, Jens Jeremies und Simone Laudehr wirken. Gemeinsam stürzen sie sich auf zwei Politiker wie Frank Ribéry nach seinem Freistoßtor auf Louis van Gaal. Wie der Bayern-Trainer seinem Dribbelkünstler müssen auch Merkel und Steinmeier den Journalisten standhalten und nicht dem eigentlichen Kontrahenten. Bei einem gemeinsamen Feind ist es dann nur logisch, sich zu verbünden.

Neben der Macht, die die vier Moderatoren in Sachen Fragestellung, Kontern, Reaktion, usw. haben, bewirken sicherlich auch die Analysegespräche nach dem Duell relativ viel in der politischen Meinungsbildung der Bürger. Da bin ich mir dann nicht so sicher, ob es gut ist, dass ein Claus Peymann vom Berliner Ensemble über die mangelnde Fähigkeit von Merkel und Steinmeier als Schauspieler spricht. Sie hätten auf der Bühne versagt. Es kann, tiefgründig gesprochen, nur gut sein, wenn Politiker im schauspielern nicht allzu professionell sind. Es ist ohnehin ein Schauspiel, ein Buhlen um Stimmen, wo es fast mehr um Personen und Verkaufsstrategien als um Inhalte geht. Das ist ja das Dilemma. Und dass Patricia Riekel dann noch meint, sie würde gerne von den Kandidaten hören, dass sie ihren Partner mögen, passt in diese gesamte Blockbuster-Inszenierung. Wahrscheinlich ist das alles nötig, um Zuschauer zu bekommen. Von daher kann man es als Sender eventuell gar nicht anders machen, aber ich bevorzuge dennoch fachliche Experten und sachliche Analysen.

Interessant und gut fand ich dafür die schnellen Umfrageergebnisse. Ich war allerdings überrascht von Steinmeiers Abschneiden – vor allem auf Seiten der Journalistenmeute in Berlin Adlershof. Um wie oft in der Sendung auch so getan bei der Sportsprache zu bleiben, gewinnt in meinen Augen Angela Merkel nach Punkten. Zwei Ringrichter stimmten für sie, einer für Steinmeier. Der Vorsprung war also nur hauchdünn. Keiner von beiden hat sonderlich Grandioses geleistet, aber sie war Chefin im Ring. Vielleicht schnitt Steinmeier auch so gut ab, weil Illner, Limbourg, Plasberg und Klöppel ihn eher attackiert haben als Merkel. Daher war er, wie schon in der Wahlarena, etwas aggressiver, wirkte teilweise ein wenig arrogant. Dieser Affront richtete sich jedoch eher gegen die Journalisten.

Und dann habe ich eine Sache nicht verstanden. Wieso wird in der Analyse – es haben eigentlich nur noch Oliver Kahn oder Jürgen Klopp gefehlt – Steinmeiers Spielzug, äh Konter, auf Merkels Idee der Steuersenkungen auf der Habenseite des SPD-Kandidaten verbucht. Es war doch ihr Gegenkonter, der meines Erachtens nach näher an die Torlinie kullerte. Wenn nämlich Steinmeier mit 50 Milliarden kalkuliert, die eine Wachstumsrate von neun Prozent zur Folge haben, Merkel aber immer nur von 15 Milliarden spricht, was wieder eine erheblich geringere Rate bedeuten würde, dann geht dieser Punkt doch eher an die Kanzlerin. Nachdem aber die Experten das für Steinmeier zählen, werde ich wohl eher einen Fehler im Denken gemacht haben. Nichtsdestotrotz wollte ich diesen Punkt hier einmal thematisieren, weil ich es nicht verstehe.

Und am Ende muss ich dennoch – Achtung Floskel (so darf man es machen; habe ich mir zumindest im SZ-Sport vom Samstag bei Freddie Röckenhaus abgeschaut) – eine Lanze für Merkel und Steinmeier brechen. Auch wenn beide Profis sind und das abkönnen müssen, haben sie Respekt verdient. Keiner hat in dieser Drucksituation einen großen Fehler begangen und auch die Kritik an ihren Abschlussplädoyers (Peymann: „wie Klone“, Jauch: „wirkten abgelesen“) teile ich nicht. Erstens waren die doch wahrscheinlich wirklich von einem Prompter abgelesen – wenn nicht, dann steht den beiden eigentlich noch mehr Respekt zu – und zweitens müssen sie sich natürlich genau überlegen, was sie sagen und wie sie es sagen. Da sollte die Kritik an Steifheit eigentlich weit nach Inhalt kommen. Merkel und Steinmeier haben in dieser Minute ein riesiges Publikum, können ihre Vorhaben präsentieren, müssen sie aber auch dementsprechend komprimieren, verständlich machen und gleichzeitig auch noch anpreisen. Da schätze ich lieber Qualität als Unterhaltung.

So, das war’s. Es wird ohnehin noch an anderen Stellen viel geschrieben werden über den heutigen Abend und, um den Bogen zur besten Erkenntnis des Tages durch Berlins Oberbürgermeister zu schlagen, das ist auch gut so. Denn mit Informationen zum Wahlkampf und zur Politik machen die Medien einen guten und wichtigen Job, was dieses Jahr besonders gut gelingt. Der Bürger muss nämlich zum Politikkonsum gezwungen werden. Und heute konnte er dem eigentlich nur über Donuts und Kernreaktoren entfliehen.

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