Brotlose Fußball-Kunst_Ramadan in der Kreisklasse München

8 09 2009

Er ist einer der ersten, die aus der Kabine flüchten. Nicht, weil der Trainer geschrieen hat, sondern weil die Halbzeitpause im Ramadan die „schlimmste Phase“ des Spiels ist. Das hatte Samba Drame bereits nach dem Freitagstraining von Academy Afrika Sport München gesagt. Danach lachte der gläubige Moslem – aus Vorfreude auf das Überraschungsabendessen seiner deutschen Frau. Er nimmt derzeit morgens nur eine Kleinigkeit zu sich, abends isst er ausgiebig. Es gab am Freitag übrigens Fisch.

Heute ist aber Sonntag, Spieltag der Kreisklasse A München, Gruppe fünf, und während sich Drames Teamkollegen vor der zweiten Hälfte erfrischen, trinkt der 30-jährige Senegalese nichts. Dabei hätte eine Stärkung gut getan, die Academy Afrika liegt 0:1 beim SV-DJK Taufkirchen II zurück. Der Straßenbauarbeiter ist ein Fasten-Profi, seit seiner Kindheit lebt er im Ramadan enthaltsam: „Ich finde das gut und mache das gern.“ Nicht zu rauchen, sei aber schwieriger, als nichts zu essen und zu trinken.

Seit mehr als zwei Wochen fasten gläubige Moslems nun schon, am 20. September endet der Ramadan mit dem Zuckerfest. Der Fastenmonat zählt zu den fünf Grundsäulen des Islams. Daneben stehen der Glaube an nur einen Gott, das Gebet, die Sozialabgabe und die Pilgerfahrt nach Mekka. „Durch das Fasten lernt man Ehrfurcht vor Gott“, sagt Ahmad Al-Khalifa, Leiter des islamischen Zentrums München, „die meisten sind in dieser Zeit disziplinierter, pünktlicher im Büro, ruhiger in der Familie. Und sie bekommen weniger Strafzettel.“ Es sei aber jedem selbst überlassen, ob er während des Sports fastet. „Wenn es der Körper nicht aushält, muss es später nachgeholt werden“, sagt Al-Khalifa.

In den ersten Spielminuten unterliefen Fußballer Drame einige Stellungs- und Abspielfehler. Danach ist der Innenverteidiger aber vor allem durch viel Einsatz sowie riskante und harte aber erfolgreiche Tacklings aufgefallen – und durch amüsante Meckereinlagen. Er sinkt dann zu Boden, gestikuliert wild, schreit manchmal „Scheiße“ und die Rastas wackeln dabei. Puste hat er dafür bis zum Schluss. „Ich brauche im Ramadan ein paar Minuten, um rein zu kommen“, sagt Drame, „danach wirst du mich hören.“ Mit zunehmender Spieldauer fühle er sich sogar kräftiger. Sein Glaube stärkt ihn, er betet auch auf dem Feld. „Nach dem Ramadan bin ich gereinigt“, begründet der Kapitän sein Fasten, „außerdem denke ich an arme Menschen und kann so den Wert von Dingen besser einschätzen.“

In der Münchner Kreisklasse haben die Vereine unterschiedliche Praktiken, mit der islamischen Fastenzeit umzugehen. „Während dem Spiel muss man etwas trinken. Das ist bei uns Pflicht, aus gesundheitlichen Gründen“, sagt beispielsweise Vedat Yilmaz, Fußballabteilungsleiter vom FC Niksar Spor München. Über die Hälfte ist dort islamischen Glaubens. Beim FC Türk Sport Garching II spielen vier Moslems. „Man merkt den Leistungsabfall, aber die spielen trotzdem“, sagt Abteilungsleiter Malkoc Ergün, „wir können sie ja nicht bestrafen, weil sie fasten.“ Bei Rot Weiß Tunesien sind alle Fußballer vom Ramadan betroffen. Viele fasten in der Heimat, Punkte holt das Team vor allem in der Rückrunde. Der Bund Türkischer Sportvereine (BTSV) München macht keine Vorgaben, aber „besonders im Sommer sollten Sportler in Spiel- und Trainingseinheiten nicht fasten“, sagt BTSV-Vorstand Ali Yalpi. „Als Sportpädagoge kann ich dazu nur raten.“

Samba Drame fastet dennoch, sowie sechs seiner Mitspieler. Er hat soeben eine Großchance vergeben. Eine von vielen, die Academy Afrika heute hatte. Nach Abpfiff der 0:2-Niederlage wird er sich auf den leeren Bauch drücken, lachen und sagen: „Das tut weh. Ich bin jetzt richtig fertig.“

veröffentlicht in der SZ (08. September 2009)

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