Schwitzstein vs. Mimikmonolith_Die Wahlarena mit den Kanzlerkandidaten

8 09 2009

Geballtes Politprogramm im Ersten: Gestern Bundeskanzlerin Angela Merkel, heute SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier in der ARD Wahlarena. Nächste Woche dann der direkte Wortwechsel im TV-Duell. Die Öffentlich-rechtlichen tun jedenfalls was für die Meinungsbildung der Bürger einige Tage vor der Bundestagswahl.

In der Wahlarena (MERKEL, STEINMEIER bei Veröffentlichung noch nicht in Mediathek) wurden sowohl Merkel als auch Steinmeier nicht einmal begrüßt,  die Moderatoren Andreas Cichowicz und Jörg Schönenborn schienen ihren Zuschauern keine Fragezeit stehlen zu wollen. Ich hätte ein „Guten Abend“ jedenfalls für angemessen gehalten. Merkel hat sich ihre Begrüßung auch nicht nehmen lassen. Gleich zu Beginn fiel Schönenborn in der Merkel-Sendung negativ auf. „Nehmen wir doch das blau, was so aussieht wie blau“ oder so ähnlich hat er den Mikrofonträger angeraunzt, als dieser es einem anderen, rotkrawattigen Gast hinhielt. Sportlich-Meinung: Das war scheiße! Prompt waren die Mikroträger bei Steinmeier einen Tag später gleich langsamer, wobei das wahrscheinlich auch an den Moderatoren lag. Diese haben einfach nicht gewartet, bis das Mikro da war. Bei den Quizfragen, die sich das Wahlarena-Team überlegt hat, hätte ich nach der Merkel-Sendung für die Absetzung dieser Idee gestimmt. Bei Steinmeier war es heute aber durchaus lustig.  Steinmeier wusste das auch zu nutzen, konterte der Dienstwagen-Antwortmöglichkeit damit, dass er nach der Wahl im Kanzleramt sitzen werde und daher keinen Wagen brauche. Das passte zu den kurz zuvor von Schönenborn angesprochenen Google-Hits bei „STEINMEIER+HUMOR“. Nun aber zu den Kandidaten.

Angela Merkel trug einen saftigen, knallroten Blazer. Farbe mit Angriffscharakter, auch wenn es parteifremd war. Sie wirkte von Sendebeginn an souverän und präsent, schien sich wohl zu fühlen. Ihre an sich recht steife Haltung und Erscheinung verlor sie dennoch nicht. Wobei das Dreieck, das durch ihre Handhaltung zwischen beiden Daumen und Zeigefingern entsteht, mittlerweile schon eine Art persönliches Marketing ist. Ich habe heute übrigens erfahren, dass sie schon seit 2006 ihren eigenen MERKEL-PODCAST hat. Ihre Steifheit hat sie aber hinsichtlich der Angriffe auf die SPD etwas verloren. Das war ja schon am Sonntagabend soweit, bei der CDU-Auftaktveranstaltung für den Bundestagswahlkampf in Düsseldorf. Ein, zwei kritische Töne gegenüber dem jetzigen Koalitionspartner ließ sie sich nun auch am Montag entlocken. Sie war aber auch selbstkritisch, hat Fehler eingeräumt, offen über fehlende Inhalte des CDU-Regierungsprogramms gesprochen. Dennoch waren ihre Antworten oftmals nur Phrasen, nicht konkret genug.

Das war aber auch bei Steinmeier der Fall. Gerne haben Kanzlerin und Kanzlerkandidat nur einen Aspekt der Publikumsfragen herausgegriffen, bei dem sie viel wussten und viel reden konnten, wodurch der unangenehmere Teil der Frage verdrängt wurde. Das ist natürlich alles Taktik, gehört dazu, ist aber dennoch blöd. Nichtsdestotrotz gebührt dem Wissen, dass beide Kandidaten parat haben müssen, große Anerkennung. Durch diesen Wissensdruck wird man natürlich auch leicht zu Phrasen gedrängt. Merkel und Steinmeier mangelte es darüber hinaus nicht an großem Selbstbewusstsein, beide verwiesen des Öfteren auf ihre Errungenschaften, bei Frank-Walter Steinmeier war das noch etwas mehr zu vernehmen.

Genauso hat er sich mehr mit den Zuschauern gemein gemacht. Nicht nur, dass er zur lokalen Herkunft der Fragenden ein „kenn ich“ parat hatte, sondern er „versteht“ auch beinahe jede Frage – im Sinne von, er kann dafür Verständnis aufbringen. Immerhin hat er diesmal aber niemandem Hilfe bei der Arbeitsplatzsuche versprochen, wie er es vor Monaten bei Anne Will in der Sendung tat. Steinmeier wirkte in der Wahlarena zu Beginn nervöser als Merkel. Er schwitzte ungemein, was sicherlich auch zum Teil an den Scheinwerfern lag. Dennoch war es auffällig. Im Laufe der Sendung wurde der SPD-Politiker jedoch sicherer, fühlte sich merklich wohler. Seine legere Körperhaltung zeigte er aber bereits von Beginn an – manchmal an den Tisch lehnend, manchmal eine Hand locker darauf stützend. Parat hatte er außerdem seinen Zeigefinger, mit dem er ab und an auf die Zuschauer zeigte. Seine zunehmende Lockerheit bestätigten ein, zwei Witze, die Steinmeier einbaute. Auch seine Lache – wenn auch manchmal über die eigenen Witze – wirkte authentisch, generierte ein positives Klima. Ein Kumpel eben. Für seine Verhältnisse in den letzten Tagen war er zudem recht sanft gegenüber der Union. Ganz im Gegenteil zu den Fragen, die Steinmeier vor allem zu Beginn der Sendung entgegen flogen. Daher vielleicht auch das Schwitzen. Wenn man alles zusammenfasst, war die Atmosphäre bei Steinmeier etwas schärfer als bei Merkel – sowohl seitens des Publikums als auch des Kandidaten.

Als Fazit haben sich beide ordentlich verkauft, nicht überrascht, ihre Politiker-Attitüden beibehalten. Ich glaube nicht, dass sich jemand durch die beiden Sendungen hat umstimmen lassen. Es ist wahrscheinlich eher Bestätigung eingetreten. Hoffentlich wird es nächste Woche beim Duell der Kandidaten etwas spannender. Gerne würde ich zuvor bei Celebrity Deathmatch einen Kampf zwischen Merkel und Steinmeier sehen. Vielleicht kommt so ja etwas Feuer rein.

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Brotlose Fußball-Kunst_Ramadan in der Kreisklasse München

8 09 2009

Er ist einer der ersten, die aus der Kabine flüchten. Nicht, weil der Trainer geschrieen hat, sondern weil die Halbzeitpause im Ramadan die „schlimmste Phase“ des Spiels ist. Das hatte Samba Drame bereits nach dem Freitagstraining von Academy Afrika Sport München gesagt. Danach lachte der gläubige Moslem – aus Vorfreude auf das Überraschungsabendessen seiner deutschen Frau. Er nimmt derzeit morgens nur eine Kleinigkeit zu sich, abends isst er ausgiebig. Es gab am Freitag übrigens Fisch.

Heute ist aber Sonntag, Spieltag der Kreisklasse A München, Gruppe fünf, und während sich Drames Teamkollegen vor der zweiten Hälfte erfrischen, trinkt der 30-jährige Senegalese nichts. Dabei hätte eine Stärkung gut getan, die Academy Afrika liegt 0:1 beim SV-DJK Taufkirchen II zurück. Der Straßenbauarbeiter ist ein Fasten-Profi, seit seiner Kindheit lebt er im Ramadan enthaltsam: „Ich finde das gut und mache das gern.“ Nicht zu rauchen, sei aber schwieriger, als nichts zu essen und zu trinken.

Seit mehr als zwei Wochen fasten gläubige Moslems nun schon, am 20. September endet der Ramadan mit dem Zuckerfest. Der Fastenmonat zählt zu den fünf Grundsäulen des Islams. Daneben stehen der Glaube an nur einen Gott, das Gebet, die Sozialabgabe und die Pilgerfahrt nach Mekka. „Durch das Fasten lernt man Ehrfurcht vor Gott“, sagt Ahmad Al-Khalifa, Leiter des islamischen Zentrums München, „die meisten sind in dieser Zeit disziplinierter, pünktlicher im Büro, ruhiger in der Familie. Und sie bekommen weniger Strafzettel.“ Es sei aber jedem selbst überlassen, ob er während des Sports fastet. „Wenn es der Körper nicht aushält, muss es später nachgeholt werden“, sagt Al-Khalifa.

In den ersten Spielminuten unterliefen Fußballer Drame einige Stellungs- und Abspielfehler. Danach ist der Innenverteidiger aber vor allem durch viel Einsatz sowie riskante und harte aber erfolgreiche Tacklings aufgefallen – und durch amüsante Meckereinlagen. Er sinkt dann zu Boden, gestikuliert wild, schreit manchmal „Scheiße“ und die Rastas wackeln dabei. Puste hat er dafür bis zum Schluss. „Ich brauche im Ramadan ein paar Minuten, um rein zu kommen“, sagt Drame, „danach wirst du mich hören.“ Mit zunehmender Spieldauer fühle er sich sogar kräftiger. Sein Glaube stärkt ihn, er betet auch auf dem Feld. „Nach dem Ramadan bin ich gereinigt“, begründet der Kapitän sein Fasten, „außerdem denke ich an arme Menschen und kann so den Wert von Dingen besser einschätzen.“

In der Münchner Kreisklasse haben die Vereine unterschiedliche Praktiken, mit der islamischen Fastenzeit umzugehen. „Während dem Spiel muss man etwas trinken. Das ist bei uns Pflicht, aus gesundheitlichen Gründen“, sagt beispielsweise Vedat Yilmaz, Fußballabteilungsleiter vom FC Niksar Spor München. Über die Hälfte ist dort islamischen Glaubens. Beim FC Türk Sport Garching II spielen vier Moslems. „Man merkt den Leistungsabfall, aber die spielen trotzdem“, sagt Abteilungsleiter Malkoc Ergün, „wir können sie ja nicht bestrafen, weil sie fasten.“ Bei Rot Weiß Tunesien sind alle Fußballer vom Ramadan betroffen. Viele fasten in der Heimat, Punkte holt das Team vor allem in der Rückrunde. Der Bund Türkischer Sportvereine (BTSV) München macht keine Vorgaben, aber „besonders im Sommer sollten Sportler in Spiel- und Trainingseinheiten nicht fasten“, sagt BTSV-Vorstand Ali Yalpi. „Als Sportpädagoge kann ich dazu nur raten.“

Samba Drame fastet dennoch, sowie sechs seiner Mitspieler. Er hat soeben eine Großchance vergeben. Eine von vielen, die Academy Afrika heute hatte. Nach Abpfiff der 0:2-Niederlage wird er sich auf den leeren Bauch drücken, lachen und sagen: „Das tut weh. Ich bin jetzt richtig fertig.“

veröffentlicht in der SZ (08. September 2009)