Deutsche Teams bei der Goalball-EM_Keine Medaillen

31 08 2009

Er war die wichtigste Person für die Goalball-Fans, die nicht bei der Europameisterschaft im TUM-Campus im Münchner Olympiapark waren. Bill Teale kommentierte in der vergangenen Woche die EM-Spiele der besten Frauen- und Männer-Mannschaften Europas im Internet. Aber nicht aus der Sporthalle, sondern aus seinem Büro in North Carolina in den USA. Wenn die Spiele in München um neun Uhr begannen, war es bei Teale drei Uhr morgens. „Zwei Tage vor der EM habe ich meinen Schlafrhythmus umgestellt”, berichtete der Webdesigner nach den Finalspielen am Samstag. Er verfolgte das Geschehen über eine Webcam, bekam Informationen zu den Teams von Helfern vor Ort.

Nicht nur Sprache und Lautstärke des gebürtigen Engländers sind sehr lebendig. Auch mit Sätzen wie „Sie hält den Ball in der Manier eines Premier-League-Torwarts” unterhielt er das Online-Publikum während der EM. Geld bekommt Teale übrigens nicht – auch nicht für Weltmeisterschaften und Paralympics. Seit 2006 ist er die Internetstimme des Goalballs.

2000 Fans vor Ort, 300 online

300 Menschen weltweit haben während der Münchner EM die Live-Berichterstattung im Netz verfolgt. Im Männerfinale waren es 81. Da arbeitete Teale unter erschwerten Bedingungen: Zu Beginn der zweiten Hälfte zwischen Slowenien und Litauen stürzte der Hallenlaptop ab. Teale blieb nur die schlechtere Ersatzkamera. „Ich hatte keinen Sound und nur ein verschwommenes Bild”, sagte er. Prompt erkannte der Familienvater das letzte Turniertor nicht richtig, wusste danach auch nicht mehr, was er gesagt hatte. Nach dem Eigentor der Slowenen endete das Spiel beim Stand von 14:4 für Litauen vorzeitig – wie immer bei einem Zehn-Tore-Vorsprung im Goalball. „Ich wollte einfach irgendwie durchkommen”, sagte Teale.

Bei den Frauen kamen Großbritannien und Dänemark ins Finale durch. Mit einem 7:3-Sieg gewann das britische Team Gold. Finnland holte Bronze, bei den Männern wurde Schweden Dritter. Während die deutschen Männer mit dem letzten Platz enttäuschten, war Thomas Prokein, seit 2000 Frauen-Trainer, zufrieden: „Klar ist der siebte Platz im eigenen Land nicht super, aber unser junges Team bekam viel Spielpraxis und zeigte gute Leistungen.” Er sehe das Turnier vor allem als Lernprozess. Neben den Paralympics in Peking war die erste EM in Deutschland für Prokein bisher das am besten organisierte Goalball-Turnier: „München hat sich sehr ins Zeug gelegt, auch die Stimmung war gut.”

Thomas Kalix, Chef des Organisationskomitees, berichtete von insgesamt 2000 Besuchern. „Ich war von der hohen Aufmerksamkeit überrascht. Das ist für eine Nischensportart wie Goalball nicht selbstverständlich.” Robert ’t Hart, der seit 30 Jahren Goalball-Schiedsrichter ist, fand: „Hier waren alle Teams ungefähr gleich stark, das Level war sehr hoch.” Der Holländer setzt sich mit einer eigenen Homepage für die Verbreitung der paralympischen Sportart für Sehbehinderte ein – genauso wie Bill Teale.

Der Amerikaner muss sich jetzt wieder an die heimatliche Zeit gewöhnen. Warum er diesen Stress auf sich nimmt? „Das Spiel fordert Kopf und Körper. Es ist sehr speziell”, sagt er, „Goalball spielen Sehbehinderte, aber es wäre auch für Nicht-Blinde ein großer Sport.” Eine sehr spezielle Blinden-Sportart braucht eben auch einen sehr speziellen Sehenden.

veröffentlicht in der SZ (31. August 2009)

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