Von Farben leben_Goalball-Paralympicssiegerin Conny Dietz beendet ihre Karriere

26 08 2009

Sie hat viel erreicht, sie war Welt- und Europameisterin, bestritt sechs Paralympics, lebte über ein Viertel Jahrhundert als Leistungssportlerin. Doch nun ist Schluss. Nationalspielerin Conny Dietz verabschiedet sich diese Woche bei der Goalball-EM in München, die am Montag begonnen hat. Frauen und Männer spielen bis Samstag auf dem TUM Campus im Olympiapark jeweils um den EM-Titel. „Der Sport gab mir viel Selbstbewusstsein“, sagt die 47-jährige gebürtige Schwäbin, „ich konnte meine Persönlichkeit entwickeln, lernte, Höhen und Tiefen zu meistern.“ Sie will zukünftig als Nachwuchstrainerin arbeiten und in Stuttgart ein Team aufbauen.

1980 fing Dietz mit dem Sport an, drei Jahre später spielte sie für das Goalball-Nationalteam. In Atlanta holte sie 1996 paralympisches Gold, in Peking trug sie 2008 die deutsche Fahne bei der Eröffnungsfeier (PODCAST-INTERVIEW MIT CONNY DIETZ VOR DEN PARALYMPICS 2008). „Dass ich das machen durfte – irre“, sagt Dietz und geht mit der Stimme nach oben. Im Gespräch sitzt sie meist aufrecht auf der Couch in der Lobby des Marriott-Hotels, wo die Goalball-Teams während der EM wohnen.

Nur zwei Prozent Sehkraft hat Dietz seit ihrer Geburt. Sie leidet an der Stoffwechselkrankheit Albinismus, wie 5000 andere in Deutschland. Haut und Haare sind hell, Iris und Netzhaut nicht voll funktionsfähig. Sie erkennt Umrisse und Farben. „Davon lebe ich“, sagt die Bürokauffrau, deren Handicap vor allem in der Jugend Probleme bereitete: „Damals war blind gleich blöd.“ Erst mit dem Sport und dem Wechsel auf eine Blindenschule wurde ihr Leben angenehmer.

Sie würde gerne einmal Blickkontakt halten, Leute beobachten. „Manchmal bin ich aber auch froh, das ganze Elend nicht sehen zu müssen“, sagt sie und lacht. Wo andere Menschen sehen, riecht und hört Conny Dietz. Als Schiedsrichter Clive Spencer vor der Couch stehen bleibt, erkennt sie ihn, als er mit ihr spricht. Beide haben sich bei der EM in Dänemark kennen gelernt. Das war 1983 und das erste große Turnier von Dietz, die mit ihrem Lebensgefährten in Bonn wohnt. Seitdem hat sich der Behindertensport weiterentwickelt, „fristet aber noch ein stiefmütterliches Dasein, und Einiges liegt im Argen“. Im Goalball fehlt beispielsweise ein Liga-Betrieb. Über die Berichterstattung während der Spiele in Peking freute sich Dietz. Sie wünscht sich aber, dass das Medieninteresse auch nach den Paralympics anhält.

In ihrer Sportart überzeugt sie als Allrounderin, spielt in der Center-Position und als Werferin. Im dreiköpfigen Goalball-Team führt der Center die Mannschaft, ist vor allem für die Abwehr der gegnerischen Würfe zuständig. Die Werfer feuern den Ball mit seinen Glöckchen im Inneren in der Regel auf das Tor. „Im taktischen Bereich ist sie unschlagbar. Sie weiß, wann man das Spiel schnell machen muss“, sagt Nationaltrainer Thomas Prokein, „sie kann außerdem Motivation transportieren und auf dem Feld umsetzen.“ Der Coach kennt aber auch ihre Schwächen: „Sie hat immer ein 30-sekündiges Konzentrationsloch. Dann patschen die Dinger nur so rein. Das ist typisch Conny.“ Ohne Prokeins Motivation wäre Dietz nicht so lange beim Goalball geblieben. Für die SG Marburg spielte sie bei der deutschen Meisterschaft, trainieren muss ein Goalballer aber meist für sich allein. Es gibt wenig Vereine, die Nationalmannschaft trifft sich nur einmal im Monat.

Fit ist Dietz dennoch. Sie startete bei sechs Marathonläufen, wurde 2009 deutscher Meister im Blindenfußball und steigt ab und an ins Ruderboot. Zudem löst sie gerne Kreuzworträtsel – eine Lupe macht“s möglich – und besucht Fußballspiele von Borussia Dortmund oder dem VfB Stuttgart. „Goalball ist aber mein Leben“, sagt sie.

veröffentlicht in der SZ (25. August 2009, auch ONLINE)

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