Flucht vor den Gedanken_Sport hilft psychisch Kranken in der Therapie

19 08 2009

Musik-, Kunst- und Reittherapie sind bekannte Methoden für psychiatrische Patienten. Der Besuch beim Volleyball-Training im Klinikum München-Ost vergangene Woche hat gezeigt, dass auch der Sport nicht nur eine Abwechslung im Klinikalltag ist.

Der Arm ist mit Narben übersät. Sie zeugen von Wunden, die sich Lukas Greiner (Name geändert) in die Haut ritzt. Der 25-Jährige leidet am Borderline-Syndrom, ist seit drei Wochen im Haarer Klinikum München-Ost in psychiatrischer Behandlung. Heute spielt er mit 15 anderen stationären Patienten Volleyball. Die Gruppe trifft sich wöchentlich. Traumatisierte, Depressive, Psychotiker, Borderliner. Die Klinik bietet ihnen auch Fußball, Badminton, Tennis oder Basketball an – Sportarten für die fitteren Patienten. Einfachere sportliche Übungen werden im Therapieplan für jeden vorgeschrieben.

Volker Jung arbeitet seit 30 Jahren in Haar, er gibt jedem Patienten ein Papier mit taktischen und technischen Tipps, wie in einem Verein. Vor dem Abschlussspiel üben sie Pritschen und Baggern. Der Sport- und Bewegungstherapeut verfolgt drei Hauptziele: Achtsamkeit auf sich selbst richten, Beziehung zum Team herstellen, Erfahrungen besprechen. Er erklärt geduldig, lässt den Teilnehmern Zeit. „Psychisch Kranke haben ein schlechtes Selbstbewusstsein, ein schlechtes Körpergefühl“, sagt der 57-Jährige, „Sport hilft, ein Gefühl zu sich selbst zu entwickeln.“ Wenn der Volleyball auf den Unterarm knallt, spüre auch ein Borderliner, dass sein Körper da ist.

So wie Lukas Greiner. Er hat gerade eine Annahme verfehlt. Ein anderer Patient veräppelt ihn, formt die Arme zu einem Oval, als wäre der Ball dort hindurch geflogen. Greiner verlässt das Feld. Ihm schmerze der Rücken und die Konzentration sei gerade schlecht. „Sport ist eine gute Methode, um vom Stationsalltag abzuschalten“, sagt der 25-Jährige, „ich habe extreme Stimmungsschwankungen und bin nach dem Sport ausgeglichener.“ Er hat lange Tabletten genommen, um ruhiger zu werden. Das macht er jetzt nicht mehr. Um die emotionalen Berg- und Talfahrten zu kompensieren, treibt er daher viel Sport. Neben Surfen im Internet hilft das außerdem über die Langeweile hinweg und „es ist ganz gut, dass nicht so viel geredet wird“.

Diesen Vorteil sportlicher Methoden kennt auch Hans Förstl, Direktor der Psychiatrie des Klinikums rechts der Isar. Das ständige Auskunft geben sei sehr belastend für den Patienten. „Beim Sport wird die Ausschüttung der Botenstoffe angeregt, die die Stimmungslage beeinflussen“, sagte er am Vortag am Telefon. Die Wissenschaft sei aber noch lange nicht so weit, zu beurteilen, ob Sporttherapie, Sozialtherapie oder eine andere Variante besser ist. Beim Sport habe der Patient jedenfalls keine Zeit für seine belastenden Gedanken. Oberarzt Michael Riedel von der psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität erklärte, dass beinahe alle psychiatrischen Patienten Sport treiben dürfen. Bei bestimmten Erkrankungen wie akuten, schweren Psychosen sei das jedoch unmöglich. „Die Sporttherapie ist eine Zusatzbehandlung“, sagte Riedel, „Ziele sind die Verbesserung beziehungsweise Wiederherstellung der motorischen und kognitiven Fähigkeiten und der Wahrnehmung sowie die Schulung des sozial-emotionalen Bereichs.“

Gegenseitige Motivation ist wichtig

Heute sind zwei Neulinge in der Volleyballgruppe, eine Frau und ein Mann. Die Patientin hat Probleme beim Aufschlag. Ein Kollege fragt, ob sie den Abstand zum Netz verringern darf. Beim dritten Versuch klappt es, die anderen applaudieren. „Auf das Motivieren und Abklatschen weise ich immer hin“, sagt Jung. Das ist auch für das jährliche Nikolausturnier wichtig, genauso wie für die deutsche Meisterschaft der psychiatrischen Kliniken im Fußball.

Trotz der Unterstützung will die Neue nicht mehr mitspielen. Gefallen habe es ihr dennoch, wird sie später sagen. Seit 20 Jahren gibt Jung nun den Volleyballkurs. Beim Sport könne jeder so sein, wie er ist. „Die Patienten werden selbstbewusster, fröhlicher“, sagt er, „das merkt man an der Körperhaltung.“ In der Feedback-Runde, die die Volleyballer jedes Mal im Sitzkreis machen, ist auch Greiner wieder dabei. Der Sinn liegt darin, sich selbst zu reflektieren, Scheu abzulegen. „Man entzieht sich der Verantwortung“, antwortet Greiner auf die Frage, warum man nicht „Nimm du ihn“ rufen solle. Danach legt er sich auf den Hallenboden, guckt an die Decke. Sein „schwieriges Leben“, wie er es nennt, zieht ihn jetzt zumindest nicht runter. Er hat sich ausgepowert und ist daher zu ausgeglichen für trübsinnige Gedanken.

veröffentlicht in der SZ (20. August 2009; auch online)

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