Ein kleines bisschen Freiheit _Fußball und Gewichtepumpen erinnern die Häftlinge in Stadelheim an die Zeit vor der Haftstrafe

18 08 2009

Für Gefangene ist die Haft oft eintönig. Da passt es gut, dass das Pappmodell der Justizvollzugsanstalt (JVA) Stadelheim in München-Giesing grau und weiß eingefärbt ist. Es ist ein trister Anblick, wäre auf der Miniaturausgabe des 14 Hektar großen Gefängnisses nicht ein grüner Farbfleck zu sehen – das anstaltseigene Fußballfeld. Dort spielen an diesem Tag gerade vier Häftlingsmannschaften zum vierten Mal das gefängnisinterne Turnier aus, für das sie von ihrer Arbeit freigestellt sind. „Den Platz pflegen die Häftlinge, die in der Gärtnerei arbeiten“, sagt Ludwig Sedlmair, während er mit dem Finger auf das Plexiglasdach tippt, das über dem Modell liegt. Auch den Pokal und den goldenen Schuh für den Torschützenkönig haben die Gefangenen selbst gemacht.

Ein Eis für die Sieger

Sedlmair, 54, ist Sportbeauftragter und seit über drei Jahrzehnten in Stadelheim. Aufgrund von Renovierungsarbeiten sitzen hier derzeit nur rund 1350 Gefangene ein. 15 Prozent von ihnen nutzen das Sportangebot: Neben Fußball wird Tischtennis, (Beach-)Volleyball, Basketball und Krafttraining angeboten. Auf dem Weg vom Eingang zum Sportplatz schließt Sedlmair etliche Türen auf und zu, zeigt Kameras, die das Außengelände überwachen. Rasen- und Hartplatz sind schon von weitem zu erkennen. Der Überwachungsturm, die 6,20 Meter hohen Mauern und der Stacheldrahtzaun erinnern daran, dass dort Gefangene kicken, ihre Fußballschuhe sind von der JVA gestellt, die Trikots von der Sepp-Herberger-Stiftung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).

Alfred Müller (Name von d. Red. geändert) fällt heute verletzungsbedingt aus. Der 47-jährige Schwabe hat vier Jahre bekommen – für schweren Raub. Er spricht mit ruhiger Stimme, gestikuliert zurückhaltend und vermittelt Gelassenheit. Zelle 110 ist seit 28 Monaten sein zu Hause. „Die Notfallnummer“, sagt er und lacht. Sport im Gefängnis ist für ihn ein Ventil, er kann sich verausgaben, Frust abbauen, Depressionen verhindern, sich fit halten. „Man erlebt das wie ein kleines bisschen Freiheit“, sagt er und erzählt von seiner E-Gitarre, mit der er in der Acht-Quadratmeter-Zelle abgeht. Ein kleiner Verstärker sorgt für guten Sound, auch über die Kopfhörer. „Das ist Ausgleich pur.“ 2007 hat er das Turnier gewonnen. Er erinnert sich noch an das Eis für die Sieger – und an den ehemaligen deutschen Nationalspieler Helmut Haller, der bei zwei Turnieren als Vertreter der Sepp-Herberger-Stiftung zu Besuch war.

Vom Dieb über den Sexualstraftäter bis zum Mörder – alle Insassen können in Stadelheim Sport treiben. Außer Gefangene, die sich in einem schwebenden Verfahren befinden und deren Mittäter ebenfalls einsitzen. Ihre Aussagen könnten beeinflusst werden. Auch bei Schlägereien kann es Sportverbot geben. Diese Strafe schmerzt, denn die Bewegung und das Verausgaben beim Sport ist ein Ausgleich für die mentalen Stresssituationen in der Haft, zudem fördern die Sportstunden das Sozialverhalten.

Am Samstag ist in Stadelheim Sporttag für alle, unter der Woche können bestimmte Abteilungen und die arbeitenden Häftlinge auf den Platz oder in den Kraftraum – und vor allem raus aus der Zelle. Vom Vorwurf, das sei für die Gefangenen ein Hotelvollzug, hält Sedlmair nichts: „Wenn man die Häftlinge nur einsperrt, dreht der eine oder andere durch, ist viel aggressiver.“ Da ist auch Bayerns Justizministerin Beate Merk seiner Meinung. „So ein Vorwurf ärgert mich‘, sagt Merk, „Sport ist kein überflüssiger Luxus. Er dient der Sicherheit der Anstalten und der Resozialisierung von Straftätern.“ Es gehe um sinnvolle Freizeitmöglichkeiten, Teamgeist, Fairplay und Toleranz.

Wunsch nach einer Halle

Engelbert Preininger ist pensionierter Wärter und heute Schiedsrichter. „Die Spiele sind immer fair“, sagt der 69-Jährige, „die Häftlinge erziehen sich gegenseitig und können Dampf ablassen, der Übermut wird abgebaut.“ Andreas Krenz sitzt wegen Drogenmissbrauchs zwei Jahre und zehn Monate ein. Der 28-Jährige kann bald eine Therapie beginnen. „Sport macht den Kopf frei“, sagt er, „und man lernt andere Seiten der Häftlinge kennen.“ Er treibt vier Mal die Woche eine Stunde Sport und würde das allen Gefangenen wünschen.

Personell bedingt ist aber nicht mehr möglich. 13 Sportbeamte arbeiten in Stadelheim, zu wenig, findet Sedlmair: „Es ist traurig, dass eine der größten Anstalten Deutschlands keinen fest eingeteilten Sportbeamten unter der Woche hat, sondern nur am Samstag.“ Seit 20 Jahren schreibt er in seinen Jahresbericht, dass sie eine Sporthalle brauchen. Bald sollen sie eine bekommen – damit in Stadelheim auch im Winter Dampf abgelassen wird.

veröffentlicht in der SZ (6. August, 2009; auch online)

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