Bolterabend und Aufholjagd

17 08 2009

Sehr schön, dass die heutige Süddeutsche Zeitung mit dem Zielleinlauf des 100-Meter-Sprintfinales der Leichtathletik-WM in Berlin aufmacht. Nicht nur, weil sich das Blau der Tartan-Bahn auf der SZ-Titelseite schön macht, sondern auch, weil man so noch einmal die knapp zehn Sekunden am Sonntagabend auf dem Sofa revue passieren lassen kann.

Es ist interessant, wie man wegen einer nicht einmal zweistelligen Sekundenzahl gespannt sein kann. Die Duelle Bolt vs. Gay und – wie der Spiegel schrieb – Bolt vs. Chambers verdrängten diesmal den Tatort im sonntagabendlichen TV-Programm. Man sah lieber Zweites. Es hat sich gelohnt. Schon der Anblick der Fast Twitch-Faser-Giganten, als sie alle auf ihren Startpilonen saßen und die Ehrenrunde von Nadine Kleinert und Jennifer Oeser nach deren Silbermedaillen beschmunzelten. ZDF-Sportchef Poschmann beschrieb den Zustand der Sprinter als überrascht, weil Mehrkämpfer und Kugelstoßer ihnen kurzzeitig die Show stahlen.

Ihre Show ging aber sofort weiter. Usain Bolts Pfeil-und Bogenpose vor dem Start zeigten dem Zuschauer, dass der Jamaikaner nicht nur locker und gut gelaunt war, sondern sagten auch: Ich werde gewinnen – und zwar in Weltrekordzeit. Es ist einfach erstaunlich, wie sich ein Athlet im Kreise seiner größten Kontrahenten in der Weltspitze so siegessicher sein kann. Dopingfragen tun sich da automatisch auf. Dennoch war der Lauf großartig.

9,58 überschreibt Thomas Hahn seinen heutigen Artikel im Sportteil. Eine Überschrift, die zum einem aufgrund der Kürze SZ-Redakteur Holger Gertz gefallen würde, zum anderen ist diese Zahl beinahe unmenschlich. Aber auch hier hatte Usain Bolt ja schon einmal gesagt: „Ich kann auch 9,5 laufen.“ Jetzt hat er geschafft.

Weil der Olympiasieger von Peking aber erst nach rechts zu Tyson Gay und dann – nachdem er sicher war, dass der US-Amerikaner ihn nicht mehr einholen kann – nach links auf die Uhr geschaut hat, kann man weitere Rekorde von Bolt erwarten. Nicht nur beim 200-Meter-Wettkampf in Berlin, sondern auch bei zukünftigen 100-Meter-Wettbewerben.

Noch beeindruckender aber war eigentlich die Leistung von Siebenkämpferin Jennifer Oeser. Vor dem abschließenden 800-Meter-Lauf stand die Leverkusenerin auf dem dritten Platz. Ziel war es, diesen zu verteidigen und eventuell die polnische Zweitplatzierte soweit abzuhängen, dass sogar noch Silber heraus kommt. Kurz vor der Hälfte stürzte Oeser jedoch, ihre Teamkameradin Julia Mächtig war ihr in die Hacken gelaufen und dann: Dann rennt die beste deutsche Siebenkämpferin einfach mal wieder ans Feld ran, überholt ihre Konkurrentinnen – auch die Polin – und wird am Ende Zweite. Sensationell. Einerseits. Andererseits: Wenn man überall nach Doping fragt, dann muss das natürlich auch hier gestattet sein. Sauber wird Oeser wahrscheinlich sowieso sein. Und solch eine Aufholjagd ist glücklicherweise auch noch mit Adrenalin, Ehrgeiz, Willen und Heimvorteil zu erklären. Das Theman Doping sollte überdies zwar immer dabei sein, aber nicht Überhand nehmen.

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