Sprintlegende Heinz Fütterer über das Gefühl, zu fliegen und sein Treffen mit Queen Elizabeth II

26 07 2009

SportSirene: Herr Fütterer, was sind Ihre Erinnerungen an den Weltrekord über 100 Meter in Yokohama von 1954? Heinz Fütterer: Mein einziger Gegner in Japan war die Uhr. In Osaka – zwei Wochen vor dem Weltrekord – bin ich schon einmal 10,2 Sekunden gelaufen, obwohl es leicht geregnet hat. Aber da der Rückenwind 2,4 Meter pro Sekunde betrug, war der Rekord ungültig. Ich hatte jedoch Blut geleckt. In Yokohama spürte ich dann kurz vor dem Start, dass mein Akku geladen ist. Als ich den Trainingsanzug auszog, fühlte ich nicht den gewohnten kalten Hauch. Im Startblock interessierten mich nur der Startschuss und das Ziel. Ich war richtiggehend scharf. Explosiv bin ich raus gekommen, und im Lauf war ich nicht mehr der Erdanziehungskraft ausgesetzt, sondern bin gefl ogen. Als ich das Zielband durchrissen habe, wusste ich, dass ich etwas Besonderes geschafft habe …

… nämlich Jesse Owens’ Weltrekord von 10,2 Sekunden eingestellt zu haben. Genau, das war der Glanzpunkt meiner Karriere. So etwas habe ich danach nie wieder gefühlt. Und ich meine nicht den Beifall oder die Gratulation, sondern das Gefühl, gefl ogen zu sein.

War das auch Ihr größter Erfolg? Jawohl, denn der 100-Meter-Lauf war schon immer die Königsdisziplin der Leichtathletik. Das liegt auch daran, dass jeder schon einmal 100 Meter in seinem Leben gelaufen ist. Heute kommen noch 60-Jährige zu mir und sagen, dass sie auch schon 100 Meter gesprintet sind. Ich frage dann immer nach der Zeit und sage, dass das aber schon recht gut sei, und dann freuen sie sich.

Nicht nur über 100 Meter, sondern auch über 200 Meter waren Sie sehr erfolgreich. 1954 liefen Sie in Yokohama auch Europarekord. Sie galten damals als echter Kurvenspezialist, wie kam es dazu? Ich habe als Junge im Wald trainiert, und bin dabei geradewegs in vollem Tempo auf die Bäume zugelaufen. Ich bin ihnen ausgewichen, um meine Reaktion zu trainieren. Das wird man in keinem Trainingsbuch fi nden, aber mir hat es zum einen Spaß gemacht und zum anderen hat es meine Explosivität in der Kurve geschult. Ich war zudem als Kurvenmann abgestempelt. Mich hat das befl ügelt und meine Gegner hatten Angst vor mir. Beim Länderkampf gegen Polen hat der polnische Meister mal zu mir gesagt: „Du Heinz, da oben sitzen meine Braut und meine Eltern, sei in der Kurve bitte gnädig zu mir.“ So was macht dich natürlich selbstbewusst.

Ach, wir dachten, Sie hätten unterschiedlich lange Beine und seien daher so schnell in der Kurve. Das ist dummes Zeug. Ich wurde in Japan vermessen, und mein rechter Oberschenkel war durch mein Hobby Fußball dicker gewesen. Mein Freund Gerd Mehl hat das dann im Rundfunk falsch verklickert. So entstand das Gerücht.

Der „weiße Blitz“ – so wurden Sie damals genannt. Wie kam es zu diesem Spitznamen? 1953 wurde ich in den Pariser Palais des Sports zu einem Sportfest eingeladen. Dort lief ich im Endlauf gegen vier Farbige, zwei rechts und zwei links von mir, und ich gewann das Rennen. Die Zeitung schrieb am nächsten Tag: „Heinz Fütterer zuckte durch die Halle wie der weiße Blitz.“ Dieser Spitzname hat sich dann etabliert.

Waren Sie mit diesem Namen zufrieden? Naja, man hat da nicht wirklich eine Wahl. Die Presse hat diesen Spitznamen immer wieder verwendet und in der heutigen Zeit wäre das sicherlich ein riesiger Werbemagnet. Ich werde heute noch auf Ehrungen mit „der weiße Blitz“ anstatt Heinz Fütterer vorgestellt. Es gibt nur einen „weißen Blitz“ auf der ganzen Welt. Daher war das schon etwas Besonderes.

Sie sind 1954 – im Wunder-von-Bern-Jahr – zum Sportler des Jahres gewählt worden. Sepp Herberger und Fritz Walter haben Sie auf die Plätze verwiesen. Ich wusste, dass ich bei der Wahl vorne mit dabei sein werde, aber ich dachte, den Walter kann ich nicht schlagen. Er war für mich als Fußballfan ein Gott, und dann wurde er auch noch Weltmeister. Dann haben mir diese Affen …, ähh Entschuldigung, die Journalisten aber doch 1 000 Stimmen gegeben. Und ich habe recht deutlich gewonnen. Ich konnte das als 23-Jähriger kaum begreifen.

Was hat Fritz Walter dazu gesagt? Er hat es als fairer Sportsmann aufgenommen und mir gratuliert. Wir wurden anschließend sehr gute Freunde, gerade in den letzten Jahren, bis er gestorben ist.

Für deutsche Sportler war es nach dem zweiten Weltkrieg auf den internationalen Sportbühnen nicht immer einfach. Wie war Ihr Verhältnis zu den Konkurrenten? Mit denen hatte ich ein gutes Verhältnis. Ivan Mecic und ich sind zusammen im Februar 1955 mit 6,5 Sekunden über 60 Meter in Kiel Weltrekord gelaufen. Aber ich war etwas weiter vorne und habe daher gewonnen. Den Preis – eine goldene Armbanduhr – habe ich ihm mit den Worten „gib sie mir zu den Olympischen Spielen in Melbourne zurück“ überlassen. 1956 in Melbourne hab ich die Uhr dann wiederbekommen. Das war ein Zeichen wahrer Freundschaft. So etwas würde es bei den heutigen Preisgeldern nicht mehr geben.

Mussten Sie denn gar keine negativen Erfahrungen machen? (lacht) Eine Sache fällt mir doch ein. 1953 waren in Glasgow die Krönungsfestspiele für Queen Elizabeth II. Die Sieger sollten ihre Preise von der Königin überreicht bekommen. Ich habe die 100 Meter und die 200 Meter gewonnen. Zwei Lakaien haben mich dann zur königlichen Loge geführt. Ich musste aber drei Stufen vorher stehen bleiben, weil ich Deutscher war. Als mir ein Vertreter der Königin den Preis überreichte, bin ich ihm eine Stufe entgegengekommen. Die beiden Wächter haben mich gleich wieder zurückgezogen. Die Königin hat mir also die Hand verweigert, weil ich Deutscher war. Aber zu dieser Zeit interessierte mich alles mehr als Politik, daher fand ich das nicht so schlimm.

Von 1953 bis 1955 haben Sie kein einziges Rennen verloren. Entwickelt sich da eher Stolz oder Langeweile? Langeweile kommt keine auf. Auch wenn du 536 Rennen gewonnen hast, wird es nicht zur Gewohnheitssache. Es haben eher andere Probleme damit. Einmal hat ein Reporter von der Frankfurter Abendzeitung gesagt: „Herr Fütterer, Sie müssen mal wieder verlieren, damit ich wieder eine Überschrift habe.“ Meine Dominanz ist manchmal aber auch eine Belastung geworden. Die Leute haben nicht mehr gefragt, ob ich gewonnen habe, sondern welche Zeit ich gelaufen bin. Das hat mich richtig wütend gemacht.

Zu Beginn Ihrer Karriere sind Sie noch barfuß gelaufen. Wie sind Sie denn zu Ihrem ersten Paar Schuhe gekommen? Wir hatten damals ja nichts und sind daher halt so rumgerannt. Die Rennschuhe hatten mich dann auch nicht wegen der Leistung interessiert, sondern ich wollte ein Paar Schuhe mit Nägeln an der Sohle. Weil das etwas Tolles war. In Karlsruhe hatte eine Umtauschzentrale solche Stiefel. Ich habe dann meiner Schwester ein Kleid geklaut und es gegen die Schuhe eingetauscht. Die musste ich daheim natürlich verstecken.

Sie haben das Paar aber dennoch eingesetzt, oder? Ja, das habe ich natürlich, und die Schuhe haben perfekt gepasst – der Herrgott hatte da seine Hände im Spiel. 1950 habe ich dann die ersten Schuhe von Puma geschenkt bekommen. Ich trainierte damals unter Prof. Dr. Suhr. Er hat den Rudolf Dassler (Gründer von „Puma“, d. Red.) um ein Paar für seinen Schützling gebeten. Dassler hat die Schuhe auch sofort geschickt, mit den Worten: „Ist denn der Junge auch wirklich so ein Talent?“

Sie haben damals mit dem Sport kein Geld verdient? Nein. Es gab schon Preise, aber die waren bescheiden. Ich habe einmal drei Sportfeste in Folge gewonnen und jedes Mal einen Elektrorasierer bekommen. Um Geld zu sparen, sind wir zweiter Klasse gefahren oder haben mit dem Auto eine Fahrgemeinschaft gebildet …

… weil Sie neben dem Sport nicht auch noch arbeiten konnten? Doch, natürlich. Ich war kaufmännischer Angestellter in Karlsruhe. Ab 1954 habe ich dann aber mittags frei bekommen, um zu trainieren. Ich musste meine Leistung stabilisieren. Und das geht nur, wenn du unter verschiedenen Bedingungen trainierst. Außerdem stärkt das auch das eigene Selbstvertrauen, was ebenso entscheidend für Erfolg oder Misserfolg ist.

Am Sprint haben Sie den Kampf „Mann gegen Mann“ geliebt. Was hat Sie außerdem fasziniert? Zu gewinnen, das ist das Wichtigste. Aber auch die Erlebnisse: Es ist faszinierend, wenn in der Westfalenhalle   7 000 Zuschauer brüllen, es dann „ssssssst“ macht und ganz still wird … und der Starter an dir vorbeiläuft und sagt: „Ganz ruhig Heinz, ich schieß dich schon raus.“ Mir sind aber auch Sportler wie Lothar Knörzer, der in der Staffel dabei war, im Kopf geblieben. Bevor der nicht neben die Bahn gekotzt hatte, konnten wir nicht los. Das war eben sein Weg, mit der Anspannung umzugehen.

Nach ihrer Leichtathletikkarriere waren Sie auch Fußballtrainer. Wie kam es denn dazu? Da ich auf der Sportschule in Schöneck bis 1957 gelebt habe, konnte ich dort den B-Trainerschein machen. Anschließend hat es geheißen, dass ich doch auch den A-Schein machen solle, weil meine Vorträge so gut wären. Sepp Herberger, Helmut Schön und Hennes Weisweiler haben die praktische Prüfung abgenommen. Weil mich ein Hund in die Wade gebissen hatte, wollte mir der Herberger die Schussprüfung ersparen. Weisweiler bestand aber darauf. Also hab ich mich wortlos umgedreht, druff gerohrt, und der Ball ist im Winkel eingefahren. Herberger hat mir anschließend zugeflüstert: „Heinz, reg’ dich nicht auf, der ist ein Schwein und bleibt eins.“ Solche Sachen vergisst du nicht.

Apropos Fußball: Ihr Heimatverein, der Karlsruher SC, ist nun nach neunjähriger Abstinenz wieder erstklassig. Das stimmt, und es freut mich sehr. Ich habe mir bei der Ehrung zu meinem 75. Geburtstag gewünscht, dass der KSC in die Bundesliga aufsteigt. Und wenn ich 80 bin, werde ich mir wünschen,dass im Europacup-Endspiel der KSC auf den VfB Stuttgart trifft.

Herr Fütterer, was ist die schönste Geschichte Ihrer Karriere? Eine Sache wird mir immer am wichtigsten bleiben: Jesse Owens war mein großes Vorbild. Je näher ich seiner Zeit von 10,2 Sekunden gekommen bin, desto öfter habe ich an ihn gedacht. 1954 habe ich nach meinem Rekord ein Glückwunschtelegramm von Owens erhalten. Und zwei Jahre später – bei den Olympischen Spielen in Melbourne – kam er dann zu mir, beglückwünschte mich und sagte, dass er meine Karriere verfolge. Das ist die Geschichte meiner Laufbahn, die mir bis heute unglaublich viel bedeutet.

Bereuen Sie etwas? Ja, und zwar verstehe ich es heute noch nicht, dass ich mir nach den 10,2 Sekunden nicht noch die 10,1 Sekunden als Ziel gesetzt habe. Davor hatte ich immer ein Ziel vor Augen. Das ist ja auch das Einfachste, um etwas zu schaffen. Herrgott! Ich habe das einfach nicht realisiert. Und mein Trainer auch nicht. Vielleicht waren wir alle einfach zu blöd. Heute ist man ja rekordgeil und enttäuscht, wenn einmal kein Rekord fällt. Aber bei uns war das noch nicht so.

Schaffen es deutsche Sprinter mal wieder in die Weltspitze? Nein, ich glaube nicht. Wir haben immer mal wieder talentierte Leute. Wenn diese aber nicht so oft rennen wollen, wie es nur möglich ist, dann haben sie schon nicht die richtige Einstellung. Der Unger (Tobias Unger, 200 Meter Halleneuropameister, d. Red.) ist ja bei uns die Nummer eins, aber ich sehe ihn zu wenig. Vor der WM in Helsinki hatte ich ihm im Vorhinein noch ein Fax geschickt und ihm viel Erfolg gewünscht. Ein Sprinter muss von sich aus explodieren – und da gehört die persönliche Einstellung dazu. Die heutigen Sprinter sollten nicht so sehr auf ihre Trainer, Manager oder Therapeuten hören, sondern eher ihren eigenen Weg gehen.

Herr Fütterer, vielen Dank für das Gespräch. Ach ja, und wir versuchen, gute Affen zu werden. Ja, ja, (lacht und klopft uns auf die Schulter) werdet gute Affen.

Fragen von Lukas Eberle & Fabian Schmidt
veröffentlicht im Magazin SportSirene (1, Januar 2008)

Heinrich Ludwig („Heinz“) Fütterer wurde am 14. Oktober 1931 in Illingen im Landkreis Rastatt geboren. Der „weiße Blitz“, wie er heute noch genannt wird, lief dreimal Weltrekord (100 Meter, 60 Meter, 4 x 100-Meter-Staffel). Nach seinem Weltrekord über 100 Meter in Yokohama (10,2 Sekunden) wählten die deutschen Journalisten ihn 1954 zum „Sportler des Jahres“. Der damals 23-Jährige verwies die Wunder-von-Bern-Weltmeister Fritz Walter und Sepp Herberger auf die Plätze. Außerdem wurde Fütterer dreimal Europameister und gewann 1956 bei den Olympischen Spielen in Melbourne die Bronzemedaille über 200 Meter. Insgesamt erzielte Heinz Fütterer 536 internationale Siege und blieb in den Jahren 1953 bis 1955 ungeschlagen. Nach seiner sportlichen Karriere arbeitete der für den SV Germania Bietigheim sowie den Karlsruher SC startende Badener bei Puma. Heute wohnt Heinz Fütterer mit seiner zweiten Frau im Olympiaweg in Elchesheim-Illingen. Im dortigen Heimatmuseum ist dem „weißen Blitz“ eine eigene Ausstellung mit Fotos, Pokalen und Urkunden gewidmet.
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