Kein Brot und dennoch Spiele _Die Leistung muslimischer Sportler im Ramadan

26 07 2009

Dschihad, Glaubenskampf, Krieg der Religionen. Wir stellen in der Rubrik „Glaube“ einmal nicht den Glaubenskonflikt in den Mittelpunkt. Viel spannender ist der Doppelpass zwischen Sport und Glaube auf dem Spielfeld. Inwiefern werde ich als Sportler von meiner Religion beeinfl usst? Blicken wir zu den Moslems, die hierzulande in Sportvereinen spielen, so fällt uns unter dem Begriff Leistung ein sehr interessanter Punkt auf: Wie schafft es der Mannschaftskamerad eigentlich, so schnell und so viel zu laufen, wenn er doch tagsüber gar nicht essen und trinken darf? Wir alle kennen das Gefühl, wenn sich mit zunehmender Dauer der sportlichen Leistung der Magen zuschnürt, weil man nicht so viel zu sich genommen hat, oder wie in der Halbzeitpause um die Sprudelfl aschen gerungen wird. Wir kommen früher oder später an die Reihe, gläubige Moslems werden aber nichts trinken, weil sie sich an die Vorschriften des Ramadan, des islamischen Fastenmonats, halten. Die SportSirene hat mit muslimischen Sportlerinnen und Sportlern über ihren Glauben und die Folgen für das tägliche Leben während des Fastenmonats Ramadan gesprochen.

Vor dem Eingang der Religionsgemeinschaft (RG) Islam Baden-Württemberg in Stuttgart stehen Leitern, Schaufeln und ein Zementmischer auf schmierigem Boden – kein schöner Anblick. Als uns Ali Demir, Vorsitzender der Gemeinschaft, jedoch herein in die Gebetsstube bittet, ändert sich das Bild schlagartig: Überall warme Teppiche, gemütliche Sofas sowie viele Bücher. Er serviert uns türkischen Tee und Kekse. Demir gründete die RG Islam Baden-Württemberg 1992, die sich selbst die Aufgabe stellt, muslimische Belange in der Gesellschaft zu vertreten. Ein freundliches Lächeln ziert das Gesicht des Islamkenners. Demir spricht überzeugt und dennoch gelassen über seine Religion. Der Koran ist die maßgebliche Quelle für Glauben und Lebensgestaltung der Muslime. Die zweite Quelle ist der vorbildhafte Lebensweg des Propheten Mohammed, der in der Sunna (Weg) festgehalten ist. Der Fastenmonat Ramadan ist eine der fünf Säulen oder auch Grundpfl ichten des muslimischen Glaubens. Daneben stehen der Glaube an nur einen Gott, das Gebet, die Sozialabgabe – zakat genannt – sowie die einmalige Pilgerfahrt nach Mekka.

„In der Fastenzeit sollen die Menschen nachsinnen, Selbstbeherrschung praktizieren und ihrem Trieb eine Grenze setzen“, sagt Demir, „angefangen bei der Nahrung bis hin zur Sexualität.“ Jeder Moslem soll allen Lebewesen und Mitmenschen mehr Beachtung schenken. Dies sei aber nur ein Ratschlag Gottes, jeder müsse selbst entscheiden, ob er faste oder nicht. Glaube ist für die islamische Welt eine Sache zwischen dem einzelnen Menschen und Gott. Dazu gibt es Ausnahmesituationen, in denen Muslime vom Fasten „befreit“
sind: Schwangere, Kranke, Ältere und Kinder sind Beispiele dafür. „Man kann jedoch auch nachfasten, wenn man beispielsweise eine schwere Arbeit erledigen muss“, sagt Demir, „aber bei uns wird keiner diskriminiert, wenn er nicht fastet.“

Sport kann auch als harte Arbeit gesehen werden und daher zu den
Ausnahmen zählen. Das Problem ist jedoch, dass gerade bekannte Sportler eine Vorbildfunktion haben. „Das ist in der Tat eine Konfl iktsituation“, stimmt Demir zu. Sie stehen daher unter einem gewissen Gruppenzwang – vor allem in der islamischen Welt. „Religiosität sollte aber eigentlich nicht der Maßstab für sportliches Verhalten sein, sondern eher im Hintergrund bleiben“, meint Demir. „Viele Menschen sind sehr engstirnig. Die Beachtung von Äußerlichkeiten, wie der Einhaltung des Ramadan, ist in der  Gesellschaft viel zu Auch wenn es eine Äußerlichkeit ist, fühlen sich Muslime oft verpflichtet, im Ramadan zu fasten. Sportlern verlangt die Enthaltung eine noch größere Leistung ab. Atika Bouagaa schmetterte von

2005 bis Ende 2007 beim USC Münster in der ersten Volleyballbundesliga. Die 25-jährige Deutsche mit tunesischen Eltern bricht das Fasten, wenn sie Sport treibt. „Ich versuche, es an meinen freien Tagen nachzuholen“, sagt die deutsche Nationalspielerin, „aber das ist eigentlich nicht so, wie es sein sollte.“ Die Einhaltung des Fastens ist für Bouagaa schwierig, obwohl sie es ja eigentlich will. Die Volleyballerin macht jedoch nicht den Leistungssport als Ursache dafür aus, sondern eher ihre mangelnde Hartnäckigkeit. Bouagaa entschuldigt sich auch nicht damit, dass sie in einem nicht-muslimischen Land lebt, „denn Glaubenssache hat nichts mit anderen zu tun, das liegt nur an mir.“ Wobei sie auch erwähnt, dass es in Tunesien leichter ist, weil dort alle fasten. Die Außenangreiferin scheint sich selbst den Vorwurf zu machen, dass sie das Fasten nicht durchhält. „Ich gebe dafür Almosen an Bedürftige“, sagt sie, „aber eigentlich ist das kein Ausgleich.“ Muslime in der westlichen Welt können im Sport nicht alle religiösen Regeln einhalten, weil sie oft die Einzigen in ihren Teams sind. Ein Beispiel ist das Tragen von Kopftüchern oder langärmliger Sportkleidung. Bei der Volleyball-Weltmeisterschaft 2006 in Japan hat die komplette ägyptische Mannschaft mit Kopftuch gespielt – aber nur, weil ein komplettes islamisches Team auflief, und nicht lediglich eine Einzelspielerin.

Gül Keskinler, Integrationsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), macht zudem die Gewohnheit, in einem neuen Land zu leben, als Grund für die Nichteinhaltung der Religionsregeln aus. „Sportler, die sich hierzulande etabliert haben, tun dies oft auch mit den Regeln“, sagt Keskinler, „sie müssen die ganze Woche ihre Leistung erbringen, weil sie Geld verdienen müssen. Daher ist das Fasten schwierig.“ Atika Bouagaa hält Fasten und gleichzeitiges Sporttreiben jedoch für sinnvoll: „Wenn du an Gott glaubst, haben die Pfl ichten für dich einen Sinn. Wenn Gott sagt, dass es gut ist, dann siehst du das auch so.“

Rachid Azzouzi, Ex-Fußballbundesligaspieler vom MSV Duisburg, ist derzeit Teammanager bei der Spvgg Greuther Fürth. Auch er glaubt an den Koran und ist religiös erzogen worden – jedoch mit
einer gewissen Freiheit: „Ich bin nicht so versessen und verbissen, alles, was im Koran steht, auch zu befolgen“, sagt Azzouzi. „Jedoch steht hinter dem Fasten eine gute Idee, und daher hilft das dem einen
oder anderen mit Sicherheit.“ Ein Fastender soll fühlen, wie es den Armen geht, die nichts zu Essen und Trinken haben. Azzouzi selbst hat während seiner aktiven Karriere in Deutschland nicht gefastet. Mit der marokkanischen Nationalmannschaft hat er die Ramadanvorgaben jedoch eingehalten. „Die Leistungsfähigkeit leidet darunter. Das ist in muslimischen Ländern nicht so schlimm, weil es dort alle machen. Aber in europäischen Ligen benachteiligt man sich selbst gegenüber den anderen“, meint Azzouzi. Daher versuchen arabische Länder, die Spiele später anzusetzen, damit die Kicker vor der Partie etwas zu
sich nehmen können.

Es gibt jedoch auch in Deutschland Sportler – beispielsweise Jaouhar Mnari (Fußballprofi beim 1. FC Nürnberg) oder der Gladbacher Hockey-Bundesligaspieler Belal Enaba (s. Interview-Post, 26.7.09) – die sich an das Fasten halten. „Das ist wirklich ehrenwert“, sagt Rachid Azzouzi, „es ist nicht einfach, seine Leistung zu halten, wenn man nichts isst und trinkt.“ Dass er nicht gefastet habe, weil er Angst hatte, nicht aufgestellt zu werden, verneint Azzouzi. Auch die Trainer von Atika Bouagaa haben niemals mit einer Nichtaufstellung gedroht, „obwohl man schon etwas geschwächter ist, wenn man fastet“, wie Bouagaa zugibt. „Ich fi nde es nicht gut, wenn Leistungssportler die Ramadanvorgaben brechen“, hält Fußballer Bashiru Gambo von den Stuttgarter Kickers entgegen, „außer es geht körperlich nicht.“ Der 29-jährige Mittelfeldspieler kam mit 16 Jahren aus Ghana zu seinem „Traumverein“ Borussia Dortmund – Trainer Michael Skibbe hatte ihn bei einem U16-Turnier entdeckt und zum BVB geholt. Für Gambo war die Umstellung damals sehr schwierig: „Hier musste ich allein fasten, das war anfangs schwer.
Außerdem habe ich zum ersten Mal Schnee gesehen.“ Er hat daraufhin seine Mutter angerufen, um bei ihr Trost gegen das Heimweh zu fi nden. „Aber alle haben mich hier unterstützt. Auch meine Trainer. Sie haben immer akzeptiert, dass ich den Ramadan einhalte – und zwar den ganzen Monat.“ Die Nummer zehn der Stuttgarter Kickers argumentiert mit beiden Händen in den Hosentaschen, wirkt dabei offen und nachdenklich zugleich. Es ist die erste Woche nach den dreitägigen Ramadanfeierlichkeiten – „Eid al Fitr“ – zum Abschluss des Fastenmonats und Gambo ist ein wenig erleichtert. „Ich bin froh, wenn das Fasten vorbei ist. Es ist sehr hart und Sport macht in dieser Zeit keinen Spaß“, schnauft er jetzt noch, „wenn ich zweimal am Tag trainiere, dann bin ich danach fast tot.“ Da hatte er es vor allem bei Ex-Kickers-Coach Peter Zeidler gut: Dieser gab Gambo während der Fastenzeit öfters mal frei. An Spieltagen nimmt der überzeugte Moslem aber Nahrung zu sich. Das ist auch sinnvoll, denn ohne Nährstoffe ist es nicht möglich, die volle Leistung abzurufen. „Das verpasste Fasten hole ich dann aber sofort nach“, wirft Gambo blitzschnell ein.

Auch PD Dr. med. Martin Huonker, Vorsitzender der Sportärzteschaft Württemberg e.V., schließt eine  leistungsmindernde Komponente durch das Fasten nicht aus. „Wenn ein Sportler während des Sports mehr als drei Prozent des Körpergewichts an Flüssigkeit verliert, dann kommt er in die Leistungsminderung“,
sagt Huonker. Voraussetzung ist jedoch ein ausgeglichener Flüssigkeitshaushalt vor der Belastung, damit die Minderung nicht schon früher einsetzt. Wenn ein Moslem also fastet, sollte er seinen Flüssigkeits- und Energiehaushalt stets über Nacht ausgleichen. Kommt ein Sportler in ein Flüssigkeitsdefi zit von vier bis fünf Prozent des Körpergewichtes, kann es vital bedrohlich werden. „Bei Hitze kann ein solches Defi zit bereits bei einer Belastungszeit von unter zwei Stunden auftreten. Ein Sportler bekommt beispielsweise bei
einem Marathonlauf – ohne während des Wettkampfes zu trinken – erstens Leistungsprobleme und geht zweitens ein gesundheitliches Risiko ein“, sagt Huonker, der die deutsche Triathlonnationalmannschaft
sportärztlich betreut. Neben einer allmählichen Hitzeerschöpfung, die zu einer Wettkampfaufgabe zwingt, besteht die Gefahr des plötzlichen Hitzschlags. Es folgt dann ein rasches Versagen der Thermoregulation mit einem Anstieg der Körperkerntemperatur auf über 41 Grad Celsius – ein Zustand der lebensbedrohlich ist. „Wird aber während eines Fußballspiels in der Halbzeitpause getrunken, kann sowohl der  Hitzeerschöpfung als auch dem Hitzschlag vorgebeugt werden“, fügt Huonker hinzu.

Bashiru Gambo ist sich der Gefahr bewusst und rät daher: „Wenn du beispielsweise Kopf- oder Bauchschmerzen hast, musst du sofort mit dem Fasten aufhören. Es ist nicht sinnvoll, ein gesundheitliches Risiko einzugehen.“ Während er in der Trainingspause am Spielfeldrand des Stuttgarter Gazi-Stadions entlangschlendert, führt er aber mit Nachdruck fort, dass das Verpasste nachgeholt werden muss, und seine Augen sind dabei weit aufgerissen. Die Überzeugung des kleinen Ghanaers ist förmlich spürbar und spiegelt sich auch in seinen Gebeten vor jedem Spiel wider. „Mein Glaube beflügelt mich und hat mir auch in der schwierigen Anfangszeit in Deutschland geholfen“, erklärt Gambo und fasst sich dabei an die Brust, als wolle er es mit dem Herzen sagen. Der Koran leitet den ehemaligen Jugendnationalspieler Ghanas durch sein Leben und unterstützt ihn darin.

Yasin Bozak spielt in der Fußball-Kreisliga A beim SV Pfrondorf im Bezirk Alb. Er befolgt seit seinem fünften Lebensjahr die Vorgaben des Ramadan. „Im Sport ist es schwer, das Fasten durchzuhalten. Aber ich beiße in den sauren Apfel und ziehe es durch“, sagt Bozak, „außerdem geht es während des Wettkampfes eigentlich ganz gut.“ Auf dem Platz schüttet er sich immer mal wieder Wasser über den Kopf. Sicherlich sei die Enthaltung schwer – vor allem, wenn die Mannschaftskameraden etwas trinken – „aber ich motiviere mich dann, indem ich an die armen Menschen denke, die nichts zu trinken haben.“ Sein Glauben geht Yasin Bozak über alles. Dennoch hat er weder ein Problem mit anderen Glaubensrichtungen („Ich habe auch schon christliche Kirchen besucht“) noch mit Moslems, die während des Ramadan nicht fasten. Bozak versteht Profi spieler, die sich nicht an das Fasten halten. „Es ist natürlich als Profi schwierig, weil der Verein gewissermaßen Druck erzeugt“, sagt Bozak, „da muss man sich das schon gut überlegen und an die Zukunft denken.“ Er selbst würde jedoch versuchen, den Ramadan zu befolgen, „denn es steigert den Ehrgeiz und man wird dadurch persönlich stärker.“

Auch Bashiru Gambo fi ndet, dass der Ramadan die Disziplin fördert und den Menschen für das Leben lehrt. Er erzählt aber auch von den schönen Feierlichkeiten der Fastenperiode: „In Ghana ist das Ende ein richtiges Fest, wie eine Party in einem Club. Wir singen, tanzen, essen und feiern. Das macht viel Spaß.“ Seine Tochter ist sechs Jahre alt und auch sie wird – wenn sie zwölf ist – mit dem Ramadan beginnen. Sollte sie einmal Leistungssportlerin werden, wird Gambo sicherlich versuchen, sie beim Fasten zu unterstützen.

Auch der Prophet Mohammed war selbst ein begeisterter Sportler. „Er hat vielfach an Laufwettbewerben teilgenommen, das Ringen geliebt und sich im Pfeil- und Bogenschießen geübt“, sagt Ali Demir von der RG Baden-Württemberg. Er hat natürlich das Fasten strengstens befolgt. Inwiefern er in dieser Zeit jedoch die sportliche Aktivität reduziert hat, ist unbekannt. Das Fasten ist eine wichtige Säule im islamischen Glauben. Dass dieser in der muslimischen Welt jedoch eine größere Rolle spielt, kann man laut Demir nicht sagen: „Bei den Muslimen erscheint die Religion einfach ausgeprägter, weil die Erscheinungsbilder – wie Kleidung der Frauen oder das Beten – mehr auffallen.“ Der Ramadan selbst solle auch für Gläubige anderer Religionen einen Anstoß geben, die Gebote des Glaubens ernst zu nehmen. Es sei jedoch falsch, die Vorgaben zu erzwingen, „denn dieses Verhalten ist nicht im Sinne der Religion.“

„Das Bild der islamischen Welt ist von Staaten wie Iran und Saudi-Arabien geprägt worden“, sagt Demir, „dort ist Glauben sehr formal und jeder wird dazu veranlasst, das zu tun, was angeblich Gottes Wille ist. Das ist schlimm und falsch. Dagegen kämpft die Mehrheit der Muslime.“ Auch die Radikalität und terroristische Aktivität vieler Muslime führt der RG-Vorsitzende auf diese Problematik zurück. „Das kommt durch mangelnde Kenntnis unserer Religion“, meint Demir, „wir setzen daher auf Aufklärung.“

Oft muss der Islam herhalten, wenn in den sozial missständigen und totalitären Regimes einiger muslimischer Länder etwas schief läuft. Der islamische Glauben will den Menschen zu Toleranz und Aufgeschlossenheit erziehen. Zu dieser pädagogischen Komponente  gehört auch der Ramadan, „und dieser steht nicht im Konfl ikt mit dem Sport“, sagt Demir. Es ist also auch für Sportler möglich, den Fastenmonat Ramadan einzuhalten. Dennoch verdienen praktizierende muslimische Sportlerinnen und Sportler hohe Anerkennung. Denn die Umsetzung des Fastens erweist sich oftmals als eine schwierige Hürde, die einer besonderen Leistung bedarf.

veröffentlicht im Magazin SportSirene (1, Januar 2008)

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