Haut am Haken _Wenn sich Menschen an Fischerhaken aufhängen

25 07 2009

Die Sache hat zwei Haken. Einen links, einen rechts. Dazwischen spannen sich zehn Zentimeter lange Hautlappen, grinst ein Totenkopf. Darunter zappelt ein Körper, Phils Körper. Er strampelt mit seinen Beinen. Der Rücken hängt an zwei roten Seilen – gehalten von den Haken, die wie eine Heftklammer in der Haut stecken. Phil pendelt in der großen Halle des Berliner Swinger-Clubs Insomnia, den Kopf auf der Brust, die Augen geschlossen. Er wirkt zufrieden, ist in Trance. Im nächsten Moment zieht er sich an einem der Seile hoch, durchtrennt es mit einer Klinge, lässt los. Der Körper fällt, die Haut hält. Phil schwebt nur noch an einem Haken, die 100 Partygäste staunen, eine Bardame verzieht das Gesicht. Währenddessen umklammert Hellka Phils Körper, schwingt ihn an – wie ein Kind auf einer Schaukel. Beide schweben zu indianischer Musik durch den Raum. Jetzt zerschneidet Phil das zweite Seil, fällt zu Boden, schließt die Augen, genießt den Applaus. Phil und Hellka sind im Superfly-Team. Die Berliner Gruppe führt regelmäßig solche Shows auf, der Amerikaner Chandler Barnes ist ihr Gründer. In der Szene wird jeder auf Anhieb geduzt.

Der Akt heißt Suspension, in diesem Fall Suicide-Suspension, Selbstmord-Aufhängung. Aber es stirbt niemand dabei. Nur das Bild ähnelt einer Person, die sich erhängt hat. Suspension ist eine Form der Body Modification, des Körperkults. Sie ist in der Tattoo- und Piercing-Szene wieder aufgelebt, ist aber viel älter. Amerikanische Ureinwohner und Hindus büßten damit ihre Sünden, suchten Visionen, vollzogen Heilrituale, göttliche Andachten. Wer sich heute aufhängen lässt, den treiben selten religiöse Gründe. Es geht vor allem darum, seinen Körper zu erfahren.

Erst muss man die Angst überwinden, dann folgt Schmerz. Durch den Stress werden die Hormone Adrenalin und Beta-Endorphin ausgeschüttet, ein Glücksgefühl entsteht. Das Ergebnis ist ein den Schmerz erlösender Zustand. Chandler nennt ihn Erleuchtung. „Du kannst jemandem auch 20 Mal in die Eier hauen. Ich schaffe das aber mit einem Haken in zwei Sekunden“, sagt er, „die Leute grinsen noch während sie hängen.“ Es gehe dabei aber nicht um einen sexuellen Hintergrund, sondern hauptsächlich um die Erleichterung, wenn der Schmerz abnimmt.

Auch wenn das Motto der heutigen Party „Temple of Freaks“ lautet, sagt der Amerikaner: „Wir sind keine Freaks.“ Er wuchs in Richmond im Bundesstaat Virginia auf, stach sich sein erstes Tattoo mit 15 selbst, besuchte 1999 einen Freund in Berlin und blieb in Deutschland. Die vordere Hälfte seines Kopfes ist rasiert, am hinteren Teil baumeln hüftlange Dreadlocks. Der 32-Jährige ist am gesamten Körper tätowiert, an den ausgeleierten Ohrläppchen hängt hornförmiger Schmuck. Andere tragen unter der Lippe einen Bart, Chandler hat dort ein Loch, in dem ein Gummipfropfen steckt. Auf der rechten Gesichtshälfte sind zwei Längs- und zwei Querstreifen eingebrannt.

2003 lernte er Suspension in Frankreich kennen, war sofort begeistert, kehrte mit viel Videomaterial zurück und gründete das Superfly-Team. Mittlerweile sind um die zehn Vorführer in der Gruppe. Seitdem treten Chandler und seine Freunde regelmäßig auf. Heute sind er, Phil, Flo und Hellka dabei. Wenn es wärmer ist, treffen sie sich auch zu privaten Suspensions im Wald. „Die Auftritte machen viel Spaß, aber dennoch sind sie eher Arbeit und die Privatsessions das Vergnügen“, sagt Chandler, der sich bisher 35 Mal aufgehängt hat. Er liebt es. „Es war auch schon so, als hätte ich von außen auf meinen Körper geschaut.“ Jeder könne andere aufhängen, aber nur bei wenigen sehe es gut aus. „Suspension ist beste Ästhetik, lebende Kunst“, sagt Chandler. Es geht um Vertrauen, um den Moment, nicht um ein Produkt zum Mitnehmen. „Ich bin kein Hippie, ich stehe nicht auf Steine“, entgegnet er, wenn man ihn für esoterisch hält.

Phil sagt an diesem Abend nur eines: „Du musst es für dich selber tun, nicht für andere.“ Die anderen reagieren unterschiedlich. Flos Eltern finden es nicht toll, Chandlers in Ordnung. „Dennoch weint Mom manchmal, wenn ich ihr davon erzähle“, sagt er.

Tattoos schmerzen mehr

Mittlerweile ist Phil mit Flo an Knien und Unterarmen per Haken und Seil verbunden. Flo schließt die Augen, atmet tief durch. Ein wenig Blut rinnt aus den Einstichpunkten. Sein Körper hebt langsam vom Boden ab, er grinst, redet mit Phil. Der ist weiter in Trance. Wenig später zucken zwei an Haken und Seilen hängende Menschen – einer davon kopfüber – im Musikrhythmus durch den Swinger-Club.

„Es brennt und ist übelst warm“, sagt Flo, „und es zieht, wie Schröpfen in gesteigerter Form.“ Das Stechen eines Tattoos schmerzt mehr, sagt Chandler. „Beim ersten Mal kapierst du es gar nicht. Man kann es mit der ersten Zigarette vergleichen“, fährt er fort. „Die schmeckt scheiße, aber du willst noch eine“, fügt Flo an. Chandler betont, dass er vor allem auf den Adrenalinkick steht, weniger auf die Schmerzen.

Erich Kasten ist Professor am Institut für Medizinische Psychologie des Universitätsklinikums Lübeck und hat die Body-Modification-Szene zwei Jahre lang untersucht. Er spricht am Telefon so schnell, dass es schwer fällt, ihm zu folgen und mitzuschreiben. Kasten vergleicht Suspension mit einer Droge. Der Protagonist steht dabei im Mittelpunkt. „Die Leute suchen Extremerfahrungen, wir nennen das Sensation-Seeking, mit denen sie vor Freunden glänzen können“, sagt Kasten, „das Überwinden der Angst wertet zudem das Selbstbewusstsein auf.“ Suspension berge aber Risiken, Gewebe kann reißen. Während dem Hängen sammelt sich unter der Haut Luft. Dadurch können Keime eindringen und laut Kasten drohen so schlimme Entzündungen. „Die Leute wollen diese Risiken wegen des Kicks aber nicht sehen“, sagt Kasten. Das sei wie bei einigen extremen Hobbys. Er fährt beispielsweise Motorrad. Andere hängen sich auf.

Schlimme Entzündungen hatten sie noch keine, sagen Flo und Chandler. Gerissen seien die Haken aber schon mehrmals. „Wir probieren die Figuren immer erst privat aus“, sagt Chandler, „da ist es nicht schlimm, wenn etwas passiert.“ Erst nach dem Test dürfen Interessenten ran, die Suspension einmal ausprobieren wollen. Die Hautrisse sind aber nicht weiter schlimm, problematisch sind Muskel- oder Sehnenverletzungen. Das Superfly-Team darf die Haken daher nicht zu tief einstechen. Wenn sich ein Neuer der Herausforderung stellt, herrscht eine klare Rollenverteilung in der Gruppe. Einer präpariert das Material – Seile, Haken, Flaschenzüge, Schlösser, Handtücher, Desinfektionsmittel. Einer zieht am Seil, einer sorgt sich um den Anfänger. „Er soll sich nicht alleine fühlen. Daher sprechen wir mit ihm“, erklärt Chandler. Kollege Flo arbeitet als Krankenpfleger in der Notaufnahme, kann medizinische Hilfe leisten.

Suspender stammen aus allen Bevölkerungsschichten, ihnen ist ihr Leben zu langweilig, sagt Chandler, sie suchen einen Kick. Im Schnitt sind sie eher männlich und Mitte 20. Frauen steckten den Schmerz besser weg als Männer. Besonders geeignet seien Mütter und Yoga-Anhänger. „Die wissen, wie man mit Schmerz umgeht und richtig atmet“, sagt Chandler. Außerdem muss das Klima zwischen Team und Interessenten stimmen. „Wir machen es nicht bei jedem.“ Professionalität ist ihm wichtig, daher muss der Neuling auch eine Einverständniserklärung unterschreiben. „Ich arbeite schließlich jeden Tag mit Körperverletzung“, sagt der hauptberufliche Piercer und Tätowierer.

Der jüngste Interessent war 18, der älteste 62. Prinzipiell ist jeder geeignet, bei straffer Haut sei Suspension schwieriger. Chandler desinfiziert die Haut, hebt sie an, steckt die Haken durch. Das Gewicht sollte sich gut auf die Halterungen verteilen. Anfänger starten in der Regel mit mehreren Haken. Flo vergleicht das Debüt mit einem Sprung vom Zehn-Meter-Turm: „Man sollte nicht zu sehr zögern. Entweder du springst gleich oder du lässt es.“ Übertragen bedeutet das: Sind die Haken einmal eingesetzt, sollte man sich schnell hochziehen lassen – am besten die Beine aktiv vom Boden heben. „Es ist scheißschwer, wie der Führerschein“, sagt Chandler, „manchmal braucht man zwei oder drei Versuche. Aber du musst es von dir aus machen.“

An Gefühle erinnern

Die verschiedenen Formen der Suspension bewirken unterschiedliche Gefühle. Die Suicide-Figur ist eine der einfacheren, sie eignet sich für Vorführungen, weil sich die hängende Person gut bewegen kann. Die Superman-Suspension ist die anspruchsloseste Variante. Dabei stecken die Haken in Rücken und Beinen, der Körper schwebt horizontal. O-Kee-Pa ist die schmerzhafteste Form. Die Brust hängt an zwei Haken, das Atmen fällt schwer. Kommen weitere Haken an den Beinen hinzu, nennt sich das Koma-Suspension.

Bis zu einer halben Stunde schweben die Suspender. Flo und Phil hängen heute von 1.50 Uhr bis 2.03 Uhr. Beim Warum tun sich die Protagonisten schwer, sagt Psychologe Kasten. Chandler antwortet: „Darum. Weil ich es kann. Die Leute haben vergessen, wie es ist, den Körper zu fühlen. Durch Piercings und Suspension weiß man: Ich bin da.“

Heute hat er nur den Piercer gespielt, Phil und Flo aufgehängt. Beim Einlaufen glich der 32-Jährige einem Fleischermeister, Haken baumelten am Hosenbund. Er motivierte die Zuschauer, organisierte die Aufführung. Der erste Schockeffekt war kaum verflogen, da schob Chandler Phil durch den Raum und sprang auch noch auf das menschliche Pendel auf. „Am geilsten ist es, wenn ich nicht nur Suspension mache, sondern Mucke läuft, Leute feiern und wir länger draußen sind“, sagt er, „dann ist es wie in einer Familie.“ Sie leben bei den privaten Treffen ihre Kreativität aus, erfinden neue Formen, sonst wird es langweilig. „Zu populär sollte Suspension aber nicht werden“, sagt Flo. Daher macht das Team keine Werbung.

Vor fünf Jahren hat Chandler ein Sommercamp veranstaltet, das will er dieses Jahr wiederholen. „Dann aber mit weniger Leuten, wir wollen wieder zurück zu den Wurzeln.“ Einzigartig wollen sie also bleiben. Im Zentrum stehe ja schließlich die Lust auf die körpereigenen Drogen, nicht der Massenkult.

Nach dem Auftritt blutet Phils Unterarm, umgehend verschwindet das komplette Superfly-Team backstage. Zurück mit einem Verband geht die Party weiter. Chandler raucht, trinkt Whiskey und knutscht mit Freundin Hellka.

Sie fühlen sich wohl in ihrer Haut.

DJS-Text (Reportage-Ausbildung bei Holger Gertz); veröffentlicht in der taz (17. August 2009; auch online)

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: